Geschichte und Bestände

Das Deutsche Historische Institut in Rom wurde 1888 als "Königlich Preußische Historische Station" gegründet. Gemäß Gründungsstatut war die Hauptaufgabe der "Historischen Station" definiert als "... die wissenschaftliche Erforschung deutscher Geschichte zunächst im Vatikanischen Archiv, sodann in den übrigen italienischen Archiven und Bibliotheken".
Zur Erfüllung dieser Aufgaben bedurfte es zwingend einer Bibliothek. Unter den ersten drei Direktoren des Instituts wurde die Bibliothek von 1888 bis 1901 zu einer spezialisierten Institutsbibliothek mit den Schwerpunkten Spätmittelalter, Reformation und Gegenreformation sowie deutsche Regional- und Lokalgeschichte ausgebaut. 1901 umfaßte die Bibliothek ca. 4000 Bände. Ferner wurden auf Auktionen auch "moderne Handschriften" (16. bis 18. Jahrhundert) erworben, soweit sie für die Nuntiaturenforschung von Bedeutung waren. Darunter befanden sich auch die sogenannten MINUCCIANA, insgesamt 52 Bände, die den Rest des persönlichen Archivs des Erzbischofs von Zara, Minuccio Minucci (1551 - 1609), darstellen und wichtige Einblicke in die päpstliche Diplomatie, aber auch in die deutschen Verhältnisse ermöglichen.

Am 1. Oktober 1903
übernahm Paul Fridolin Kehr die Leitung des Instituts. Unter ihm wurden die Forschungsschwerpunkte des Instituts nicht nur zeitlich auf Früh- und Hochmittelalter, sondern auch geographisch auf den gesamten italienischen Raum ausgeweitet.
Die verstärkte Erforschung der staufischen Zeit in Süditalien und ihrer Bauwerke führte 1905 zur Errichtung einer kunsthistorischen Abteilung. Die neuen Forschungsschwerpunkte erforderten eine Neuorganisation der Bibliothek. Kehr konzipierte eine hochspezialisierte Forschungsbibliothek, in seinen Worten "Consultationsbibliothek", mit nunmehr den Schwerpunkten in mittelalterlicher Geschichte, Historischen Hilfswissenschaften und italienischer Regional- und Lokalgeschichte. Gemäß Kehr spielte die Bibliothek eine entscheidende Rolle in der Forschungstätigkeit des Instituts. Dementsprechend sorgten für Verwaltung und Organisation der Bibliothek bis 1914 wissenschaftliche Bibliothekare, u.a. Georg Leyh und Karl Christ.
Die Entwicklung der Bibliothek läßt sich an den Bestandszahlen ablesen: Während die Zugangszahlen bis 1903 zwischen 200 und 250 Titeln schwankten, wurden von 1903 bis 1914 jährlich ca. 1000 Titel erworben. Im 25. Jubiläumsjahr (1913) plante man in der Valle Giulia einen Institutsneubau, der für 45000 Bände Platz bieten sollte, jedoch nie realisiert wurde.
Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs mußte das Institut den Palazzo Giustiniani, in dem es bis dahin untergebracht war, räumen, die Bibliotheksbestände sollten beschlagnahmt werden. Durch die Einlagerung der Bibliothek in der Villa Bonaparte, Sitz der Preußischen Gesandtschaft beim Heiligen Stuhl, konnte dies zwar verhindert werden, die Bestände waren allerdings auf Jahre nicht benutzbar.
 

Nach dem Ersten Weltkrieg
löste man die bestehende kunsthistorische Abteilung vollständig auf, die ca. 3000 Bücher wurden ins Kunsthistorische Seminar der Universität Kiel transferiert. Weitere ca. 5000 Bände des Institutsbestands wurden nach Berlin gebracht.
Die in Rom verbliebene Restbibliothek (ca. 22000 Bände) konnte erst 1923 von Christ wieder im Palazzo Giustiniani aufgestellt werden. Die Wirtschaftskrise stellte das Institut vor große Probleme. Der bereits reduzierte Bestand wurde weiter ausgedünnt; dies betraf vor allem Literatur zur französischen und spanischen Geschichte sowie zur Geschichte der Benelux-Länder, aber auch einzelne Bestände zur italienischen Geschichte.

1935 ging das Institut in Reichsbesitz über
und war nun dem Präsidenten des neuen "Reichsinstituts für Ältere Deutsche Geschichtsforschung" unterstellt. Nach dem "Anschluß" Österreichs ans Reich wurde das bisherige Österreichische Historische Institut übernommen, dessen Buchbestände konnten nach Aussonderung von Dubletten eingegliedert werden (ca. 2000 Bände). Die Großprojekte führte man fort, der Forschungsschwerpunkt lag infolge der Unterstellung unter das Reichsinstitut allerdings nun in verstärktem Maß auf der mittelalterlichen Geschichte.
Nach der italienischen Waffenstillstandserklärung vom 8. September 1943 wurde das Institut geschlossen. Im Verstoß gegen die grundlegende Bestimmung, daß die Buchbestände der deutschen wissenschaftlichen Institute italienisches Hohheitsgebiet nicht verlassen dürften, wurden auf Befehl Hitlers die Bücher Ende 1943 nach Österreich und Deutschland transportiert, wo sie, in Depots eingelagert, allerdings nicht benutzbar waren. 1946 kehrte die Bibliothek wieder nach Italien zurück und wurde in der Vatikanischen Bibliothek eingelagert. Die Rechtslage war in den folgenden Jahren Gegenstand zahlreicher kontroverser Diskussionen, selbst auf oberster diplomatischer Ebene.
 

Nach der Rückgabe der Buchbestände
an die Bundesrepublik Deutschland konnte am 30. Oktober 1953 das Institut am Corso Vittorio Emanuele II, 209 wiedereröffnet werden. Das zugrunde liegende Kulturabkommen beinhaltete die Verpflichtung, dass die Bibliotheksbestände in Italien verbleiben müssen. Der Buchbestand betrug zu dieser Zeit weniger als 30000 Bände. Die alten Institutsprojekte wurden wiederaufgenommen, die ITALIA PONTIFICIA konnte abgeschlossen werden. Für die Bibliothek des Instituts bedeutete diese Zeit eine Phase des verstärkten Ausbaus, die jährlichen Zugangszahlen beliefen sich auf über 1000 Bände. Seit 1956 übernahm wieder ein wissenschaftlicher Bibliothekar die Leitung der Bibliothek.  Darüber hinaus erfolgten Abmachungen mit den "Monumenta Germaniae Historica" bezüglich der Bestände, die in den 20er und 30er Jahren nach Deutschland transportiert worden waren: Die Werke zur Geschichte weiterer europäischer Staaten verblieben in Deutschland, die zur Geschichte Italiens wurden dem DHI in Rom zurückerstattet.

Ab den 60er Jahren
kam die Erforschung der Geschichte des 20. Jahrhunderts als weiterer Schwerpunkt des Instituts hinzu. Als Literaturbasis konnte von der Bibliotheca Hertziana die "Bibliothek Hoppenstedt" übernommen werden, die z.T. wichtige nationalsozialistische Primärliteratur enthielt. Für den Bereich des Faschismus wurde der Bibliotheksbestand durch den Erwerb der Bibliothek Duilio Susmel (über 9000 Titel) und von Teilen der Bibliothek Giuseppe Bottai (ca. 1500 Titel) erweitert. Der jährliche Buchzuwachs stieg insbesondere in den 70er Jahren beträchtlich an. Ende des Jahres 2015 verfügte die Historische Bibliothek über mehr als 179.000 bibliographische Einheiten und 670 laufende Zeitschriften.

Der Bestand
deckt heute alle Bereiche von der frühmittelalterlichen Geschichte bis zur Zeitgeschichte ab. Geographisch werden die italienische und die deutsche Geschichte behandelt, daneben Kirchengeschichte und in den letzten Jahren verstärkt auch übergreifend europäische Geschichte. Die alten Forschungstraditionen lassen sich dennoch bis heute am Bestand ablesen: Spätmittelalter, Frühe Neuzeit bis ins 17. Jahrhundert, Kirchengeschichte und italienische Regional- und Lokalgeschichte sind auch mit historischen Beständen gut repräsentiert. Hinzu kommen Schwerpunkte wie 19. Jahrhundert (Nationalstaatsbildung, Kulturkampf etc.) und Faschismus/Nationalsozialismus.