Das Kapitel von St. Peter im Vatikan (11.-13. Jahrhundert)

PD Jochen Johrendt

Johrendt, Jochen: Die Diener des Apostelfürsten. Das Kapitel von St. Peter im Vatikan (11.-13. Jahrhundert). Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom 122 (X, 564 S.).
Zur Reihe Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom


Die letzte Monographie, in der der Klerus von St. Peter behandelt wurde, entstand am Ende des 18. Jahrhunderts. Diese über 200jährige Lücke ist um so erstaunlicher, als die Kapitelforschung sich in der deutschen Mediävistik großer Beliebtheit erfreut und die Kanonikerforschung in Deutschland und Italien nach den grundlegenden Anstößen durch Dereine weiterhin intensiv betrieben wird. Die Scharnierfunktion des Kapitels von St. Peter zwischen dem Papsttum und der Stadt Rom läßt seine Behandlung unter zwei Aspekten besonders lohnenswert erscheinen:

1. Die gegenseitige Beeinflussung von Kapitel und Papsttum in ideeller, personeller und ökonomischer Hinsicht.
2. Die Wechselwirkungen des Kapitels mit der Stadt, ihrem Klerus und Adel.


Zum ersten Aspekt:

Die Aufarbeitung des Kapitels liefert auch einen Beitrag zur Untersuchung des Selbstverständnisses des Papsttums, wobei hier der Wandel vom vicarius Petri hin zum vicarius Christi für das Verhältnis von Kapitel und Papst fokussiert werden soll. Inwiefern läßt sich hier ein Selbstverständnis des Kapitels in Abgrenzung oder bewußter Bezugnahme zu den Päpsten feststellen? Welche Bedeutung dem Kapitel für die Päpste zukam, wird in kritischen Situationen des Papsttums deutlich, wenn etwa die Wahl durch die Kardinäle gescheitert war - in einem Schisma. Gerade in diesen Krisensituationen können wir das Selbstverständnis dieses Kapitels fassen. In die päpstliche Amtsführung war das Kapitel z. B. durch die Pallienvergabe oder die Opfergaben am Altar Petri involviert. Auch die Durchsetzung des Kapitels mit Kardinälen und umgekehrt der Aufstieg von Kanonikern ins Kardinalat ist zu berücksichtigen. Ökonomisch stehen die Päpste aufgrund der Verteilung der Opfergaben, die Gläubige dem Apostelfürsten machten, in direkter Konkurrenz mit dem Kapitel.


Zum zweiten Aspekt:

Auf prosopographischem Weg sollen die Mitglieder des Kapitels soweit möglich erfaßt werden. Die Untersuchung der Besitzungen und der dem Kapitel unterstellten Kirchen lassen für diesen Aspekt weiterreichende Aufschlüsse erwarten. Die ersten Verzeichnisse der Kirchen in der Stadt, die unter der Jurisdiktion des Kapitels stehen, setzen zu Beginn des 13. Jahrhunderts ein, ebenso die Verzeichnisse größerer Besitzkomplexe. Hier ist auch die Konkurrenzsituation von St. Peter mit den anderen Kirchen der Stadt zu berücksichtigen. Der große Konkurrent in der Stadt ist nicht nur auf ökonomischem Gebiet S. Giovanni in Laterano. Es gilt, die Strategien des Kapitels nachzuzeichnen, mit denen es seine eigenen Heilsressourcen einbringen und sich damit in der Sakraltopographie der Stadt positionieren will. Denn nicht nur im Hinblick auf ihre Stellung in der Gesamtkirche beanspruchen beide Kirchen den ersten Platz, sondern auch innerhalb der Stadt.