Die Summa Trium Librorum von Rolandus de Luca

Dr. Sara Menzinger

Conte, Emanuele/Menzinger, Sara (Hg.), La Summa Trium Librorum di Rolando da Lucca (1195-1234). Fisco, politica, scientia iuris (CCLXIX, 570 S.) Roma 2012. Inhalt/Bestellen

Ziele

1) Die kritische Edition der Summa Trium Librorum von Rolandus de Luca.
2) Eine größere Studie zum Thema "Politisch-rechtliche Konzeptionen eines italienischen Richters im ausgehenden zwölften Jahrhundert". Diese Studie fungiert als Einleitung bzw. Kommentar der Edition des Textes.

 

Zusammenfassung

Obwohl die Geschichte der Entstehung der italienischen Kommunen eines der traditionellen Forschungsfelder italienischer und internationaler Geschichtswissenschaft darstellt, ist die Frage, welche intellektuellen Denkanstöße zu der Realisierung dieses Phänomens beigetragen haben, bis heute wenig untersucht. An welchen Modellen orientierten sich die italienischen Städte? In welchem Maß waren diese Bestrebungen, aus denen sich neue Formen kommunaler Verwaltung entwickelten, Ergebnisse abstrakter Überlegungen über Institutionen und das Gemeinwohl? Inwiefern beeinflußte das Studium des gelehrten Rechts, insbesondere des römischen Rechts, die politischen Neuerungen?

Die Edition der Summa Trium Librorum von Rolandus de Luca erschließt einen Schlüsseltext für die Beantwortung dieser Fragen. Es handelt sich bei der Summa vor allem deshalb um einen Text von zentraler Bedeutung, weil Rolandus staatsrechtliche Argumente diskutiert und sich sein Werk im europäischen Vergleich als eine einzigartige Leistung darstellt. Zum ersten Mal wurden Überlegungen zum Thema Staat und Gemeinwohl, welche traditionsgemäß in der kanonistischen Kultur verankert waren, von einem weltlichen Intellektuellen angestellt, der sich in der zivilen Rechtssphäre bewegte.

 

Stand der Forschung

Über viele Jahrhunderte hinweg wurde die Summa von Rolandus de Luca verschiedenen Autoren zugeschrieben, vielleicht deshalb, weil Rolandus als Richter nicht der akademischen Welt angehörte.

Den ersten entscheidenden Schritt auf dem Weg der Identifizierung des Werkes von Rolandus machte im Jahre 1888 der holländische Gelehrte d'Ablaing [D'ABLAING 1888], als er einen Katalog von Büchern analysierte, die im Jahre 1358 vom Bischof von Laon konfisziert wurden, und dabei die Erkenntnis gewann, daß in diesem Katalog die Summa Trium Librorum von Rolandus de Luca erwähnt wird. D'Ablaing vertrat die Auffassung, es handle sich um das gleichnamige Werk, das in der oberösterreichischen Abtei St. Florian als Handschrift aufbewahrt wurde. Diese Identifikation erwies sich als richtig, wie auch seine weitere Überzeugung, daß es sich eben bei diesem Rolandus auch um denselben mysteriösen Autor aus Lucca handelte, der in den gedruckten Editionen von Azzo die Summa von Placentinus und Pillius de Medicina in den letzten drei Büchern des Codex fortgeführt hatte.

Im Jahre 1973 hatte P. Weimar [WEIMAR 1973] den fast unbekannten Autor Rolandus de Luca unter die italienischen Glossatoren in seinem Beitrag für das Handbuch von H. Coing aufgenommen, indem er darauf aufmerksam machte, daß ein weiteres Exemplar der Summa Trium Librorum als Handschrift im Klosterarchiv von Montecassino aufbewahrt wird. Jedoch konnte er nicht mit Sicherheit feststellen, wie bereits d'Ablaing ein Jahrhundert zuvor, wo die Grenze zwischen dem Kommentar von Pillius de Medicina und dem von Rolandus anzusetzen sei.

Seit 1982 haben die Studien von Ennio Cortese das Interesse an der Person des Rolandus de Luca weiter geweckt [CORTESE 1982] . Er hat die Urheberschaft von Rolandus für jenen Teil des Kommentars zu den letzten drei Büchern des Codex, der von dem Titel 32 des elften Buches bis zum Ende des zwölften Buches reicht, bewiesen und damit die Zweifel von d’Ablaing und Weimar aus dem Weg geräumt.

In den 90er Jahren werden drei weitere Manuskripte, die die Summa von Rolandus enthalten, bekannt: eines davon befindet sich in der Nationalbibliothek von Madrid, das andere in der Biblioteca Vaticana und das dritte wurde 1995 im Schloß von Peralada (Katalonien) von Maffei entdeckt [MAFFEI 1995].

Die Untersuchungen, die Emanuele Conte seit 1990 über die mittelalterliche Tradition der Tres Libri (d. h. Bücher 10-12 des Kodexes von Justinian) und über das Werk von Rolandus angestellt hat, bedeuten einen wesentlichen Fortschritt für die Forschung [CONTE 1990, 1996, 2002]. Einerseits hat Conte herausgestellt, daß Azzo und Accursius die Summa von Rolandus de Luca kannten, woraus resultiert, daß dieses Werk teilweise in Universitätskreisen zirkulierte. Andererseits hat er durch Interpretation und Edition einiger aussagekräftiger Bruchstücke des Werkes von Rolandus bewiesen, daß die wissenschaftlichen und politischen Überlegungen des toskanischen Richters, zum Beispiel hinsichtlich der Fiskalpolitik, absolut einzigartig sind [CONTE 2001].

Frank Theisen [THEISEN 2002] gelang es, in einer relativ großen Anzahl von Urkunden, die sich im Archiv von Lucca befinden, die Person von Rolandus zu identifizieren, wodurch er eine erste skizzenhafte Biographie über den Richter vorlegen konnte. Die Paläographinnen Valentina Longo und Sabina Magrini [LONGO-MAGRINI 2002] haben die Manuskripte, in denen die Summa enthalten ist, analysiert und die Herkunft und die Zirkulation der Handschriften untersucht.

Trotz der Tatsache, daß sich in den letzten Jahrzehnten sowohl italienische als auch deutsche Wissenschaftler mit Rolandus de Luca und seinem Werk beschäftigt haben, ist dieser Autor bis heute vielen unbekannt, was man auch daran ablesen kann, daß er in der jüngsten Zusammenfassung, die H. Lange [LANGE 1997] den Glossatoren gewidmet hat, ausgeschlossen wurde. Deshalb gehört eine Publikation der Summa Trium Librorum immer noch zu den Desiderata der Forschung, zumal nur eine vollständige Edition des Textes ein zuverlässiges Urteil über das intellektuelle Niveau des Autors und sein hocheinzuschätzendes wissenschaftliches Werk ermöglicht.

 

Quellenlage und Editionsprojekt

Bei den Manuskripten der Summa Trium Librorum von Rolandus, die wir heute kennen, handelt es sich insgesamt um fünf Exemplare. Sie werden in folgenden Bibliotheken aufbewahrt: in der Abtei Sankt Florian (Österreich), im Archiv von Montecassino (Italien), im Fonds des Schlosses von Peralada (Katalonien), in der Biblioteca Vaticana (Rom) und in der Nationalbibliothek von Madrid (Spanien). Aufgrund erster paläographischer Analysen kann davon ausgegangen werden, daß Rolandus zwei verschiedene Versionen seiner Summa abgefaßt hat: die erste - die in Madrid aufbewahrte Handschrift - entstand zwischen 1195 und 1197; die zweite Version, auf die sich die anderen Manuskripte beziehen, wurde in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts hergestellt.

Paläographische Arbeiten, die diesen fünf Manuskripten gewidmet wurden, haben die Handschrift aus Sankt Florian als die beste identifiziert, und deshalb wird hier dieses Exemplar als Leithandschrift der kritischen Edition zugrundegelegt. Die Transkription beinhaltet nicht nur die Lösung der vom Text aufgeworfenen Interpretationsfragen, sondern auch die eindeutige Identifizierung  des zitierten römischen, kanonischen, lehnsrechtlichen Rechtes sowie der Gesetze der römisch-deutschen Kaiser, die von Rolandus für seine Erklärungsansätze benutzt wurden. Hinzu kommt die Identifizierung der Zitate klassischer Autoren, wie Cicero und Vegetius, die der toskanische Richter häufig einfügt.

 

Ausgewählte Literatur

W. M. d'Ablaing, Summa Rolandi de Luca, "Nouvelle Revue Historique de Droit Français" 12 (1888), 361; P. Weimar, Die legistische Literatur der Glossatorenzeit, in Handbuch der Quellen und Literatur der neuen europäischen Privatrechtsgeschichte (H. Coing Hg.), Bd. I, Mittelalter, München 1973, 204-205; E. Cortese, Scienza di giudici e scienza di professori tra XII e XIII secolo, in Legge, giudici, giuristi (Atti conv. Cagliari 1981), Milano 1982, 93-148; Id., Il diritto nella storia medievale, II. Il Basso Medioevo, Roma 1995, 145-155; D. Maffei, Un'epitome in volgare del Liber Augustalis. Il testo quattrocentesco ritrovato ed edito, Roma-Bari 1995; E. Conte, Tres Libri Codicis. La ricomparsa del testo e l’esegesi scolastica prima di Accursio, Frankfurt am Main 1990 (Ius Commune Sonderhefte 46); Id., Servi medievali. Dinamiche del diritto comune, Roma 1996 (Ius Nostrum 21); Id., "De iure fisci". Il modello statuale giustinianeo come programma dell'impero svevo nell'opera di Rolando da Lucca (1191-1217), in "Tijdschrift voor Rechtsgeschiedenis", 69 (2001), 221-244; Id., I diversi volti di un testo del XII secolo. La Summa di un giudice fra aule universitarie e tribunali, in Juristische Buchproduktion im Mittelalter (Vincenzo Colli Hg.), Frankfurt am Main 2002, 351-366; F. Theisen, Rolandus von Lucca Bemerkungen zu seiner Biographie, in Juristische Buchproduktion im Mittelalter (Vincenzo Colli Hg.), Frankfurt am Main 2002, 385-394; V. Longo-S. Magrini, I manoscritti della "Summa Trium Librorum" di Rolando. Descrizioni, in Juristische Buchproduktion im Mittelalter (Vincenzo Colli Hg.), Frankfurt am Main 2002, 367-384; H. Lange, Römisches Recht im Mittelalter, Band I: Die Glossatoren, München 1997.