Ars dictaminis, politische Sprache und städtisches Selbstverständnis in den oberitalienischen Kommunen des 12. Jahrhunderts

Dr. Florian Hartmann

Hartmann, Florian: Ars dictaminis. Briefsteller und verbale Kommunikation in den italienischen Stadtkommunen des 11. bis 13. Jahrhunderts (Mittelalter-Forschungen 44), Ostfildern 2013.

Zuletzt hat sich die Forschung fast ausschließlich auf die philologischen und stilistischen Aspekte der ars dictaminis konzentriert; die historische Forschung folgt wohl immer noch der hergebrachten Einschätzung, wonach diese Texte allenfalls als spezieller Bestandteil einer allein für Philologen interessanten Rhetorikgeschichte ihren Wert hätten. Ein wesentliches Ergebnis ist es daher, die Erkenntnismöglichkeiten, die sich aus der Lektüre und Analyse dieser vergessenen Gattung auch für Historiker ergeben, beispielhaft vor Augen zu führen.

Im Mittelpunkt steht die Analyse der kommunalen artes dictandi als Quelle für die allgemein gültigen und in der kommunalen Welt anerkannten Regeln der "richtigen" verbalen Kommunikation. Der Zugang basiert auf der Erkenntnis, dass Handlungs- und Deutungsmuster sowie soziale Kategorisierungen immer an Sprache gebunden sind. Die in den artes dictandi durchscheinenden Leitideen, wie die private Freundschaft, öffentlicher Friede oder wie die immer wieder beschworene concordia, wird man deswegen– in Anlehnung an Robert D. Putnams Konzept zum Sozialkapital – als sozialen Kitt der Kommunen definieren können. Die Wert- und Normsetzungen in den artes dictandi sind nicht als Privatmeinungen einiger Rhetoriklehrer abzutun, sondern sie dürften nachhaltig auf die Schüler gewirkt haben. Schließlich haben diese Schüler jene Kategorisierungen, die in den artes dictandi vermittelt wurden, in ihrer späteren praktischen Tätigkeit vermittels ihrer eigenen Schreiben in die Welt getragen. Das soziale Wissen, das die artes dictandi verbreiteten, war wirklich diskursiv in dem Sinn, dass es zur Verbreitung bestimmt war.

Die sprachlichen Konventionen, die in den frühesten kommunalen artes dictandi parallel zur Institutionalisierung der Stadtkommunen vermittelt werden, reagierten nach dem Quellenbefund dieser Arbeit auch auf den Legitimationsdruck, der auf der jungen Kommune lastete. Da die Kommunen neue Verfassungskörper waren, die jenseits der herkömmlichen Traditionen von Herrschaft standen, etablierte sich dort zwangsläufig schon sehr früh ein neuer Herrschaftsdiskurs. Zwar lassen sich die Reden, welche die Vertreter der kommunalen Herrschaft anlässlich öffentlicher Situationen, in Volksversammlungen und in Ratssitzungen hielten, mangels Quellen nicht mehr rekonstruieren. Dafür können aber die artes dictandi sehr wohl als Spiegel dieses legitimatorischen Diskurses in den Kommunen fungieren.

Das Verfassen von artes dictandi bot den Autoren zudem die Möglichkeit, eigene Stellungnahmen und Deutungen zum Zeitgeschehen und zu künftigen Entwicklungen zu verbreiten. In noch stärkerem Maß aber dienten die artes dictandi in Krisenzeiten, wie beispielsweise dem zweiten Italienzug Friedrich Barbarossas, dazu, pragmatische Bedürfnisse auf dem Feld der Briefrhetorik zu stillen. Denn gewandelte politische Konstellationen konnten tradierte Kommunikationswege und -formen auflösen und neue hervorbringen. Dadurch veränderten sich gewissermaßen anerkannte Kommunikationsregeln. Sinn wird neu gestiftet, politische Ereignisse werden in Musterbriefen verarbeitet und gedeutet; die Präsenz des Kaisers beispielsweise wird mit Sinn aufgeladen und erklärt. Hier zeigt sich der praktische Nutzen briefrhetorischer Ausbildung.  Die Erklärung politischer Strukturen war für angehende Notare und öffentliche Schreiber umso mehr vonnöten, wenn die unruhige politische Lage Veränderungen heraufbeschwor. In dieser Situation galt es in ganz besonderer Weise, die Kommunikationsregeln zu kennen, die man vor dem Kaiser zu beachten hatte.

Noch detaillierter als die wenigen Reden, die die kommunalen Chronisten in ihre Werke inserierten, lehren die artes dictandi argumentative Muster für die Kommunikation kommunaler Gesandter mit unterschiedlichen Autoritäten. Rhetorik bezeichnete in diesem Kontext ganz offensichtlich nicht nur Stilistik, sondern auch Argumentationsstrategien im Rahmen intra- und interkommunaler Kommunikation. Hier spiegelt sich unmittelbar das argumentative Denken wider, das alle kommunalen dictatores zur Grundlage ihrer Tätigkeit in den Kommunen machen sollten. An diesen Beispielen werden die Bedeutung und der Vorteil deutlich, die sich aus dem Studium der Rhetorik und der artes dictandi für künftige Amtsträger und Repräsentanten der Kommunen ergaben.

An dem praktischen Nutzen rhetorischer Fähigkeiten für die Elite der Kommune kann nach diesen Befunden kaum gezweifelt werden. Schon die frühesten kommunalen artes dictandi etablierten offenbar eine Vorstellung von der Suprematie rhetorischer Fähigkeiten im kommunalen Leben, die die Forschung bislang erst für das Duecento oder allenfalls das späte 12. Jahrhundert untersucht und ernst genommen hat. Ihre symbolische, sozial distinguierende Funktion lässt sich dabei ebenso deutlich nachzeichnen, wenn man die Sprache der Kommune analysiert. Mit diesem Zugang führt die Arbeit die Forschungen zur Herrschaftslegitimation wieder von den nonverbalen, inszenierten und ritualisierten Formen der Kommunikation zurück zur verbalen Kommunikation, zur Bedeutung des Wortes und der öffentlichen Rede. Geschichtsschreibung, artes dictandi und die artes contionandi lassen nach sorgfältiger Quellenlektüre keinen Zweifel daran, dass briefrhetorische und oratorische Fähigkeiten in den Kommunen neben der praktischen auch eine unverkennbare symbolische Bedeutung hatten.

Entsprechend stellten die Repräsentanten der Kommune ihre Eloquenz in einer Art zur Schau, die auch Zeitzeugen aus dem nordalpinen Raum beeindruckte. Diese Zurschaustellung oder Inszenierung weist über den rein praktischen Nutzen der Eloquenz hinaus und lässt vermuten, dass die Elite der Kommunen auch rhetorische Fähigkeiten als ein Mittel zu nutzen verstand, um sich von denen abzusetzen, die über diese Bildung nicht verfügten und die deswegen von der Ausübung bestimmter öffentlicher Aufgaben ausgeschlossen waren.

Die Ergebnisse und die methodischen Zugriffe dieser Arbeit können auch dazu anregen, den bislang unterschätzten Quellenreichtum der mittelalterlichen ars dictaminis auch in anderen Kulturräumen als dem der frühen Kommune in Italien als Chance zu werten, neue Fragen zu stellen und neue Antworten zu finden.