Kritische Edition der griechischen und lateinischen Urkunden Graf Rogers I. von Sizilien

Dr. Julia Becker

Becker, Julia (a cura di): Documenti latini e greci del conte Ruggero I di Calabria e Sicilia. Edizione critica a cura di Julia Becker. (365 S.), Roma: Viella 2013. Ricerche dell'Istituto Storico Germanico di Roma 9.

Nach der Eroberung Südkalabriens und Siziliens konzentrierte sich Graf Roger I. zunächst auf die innere Befriedung und Stabilisierung seines Herrschaftsbereiches. Durch die Neuorganisation der Verwaltung, des Ämterwesens und der sizilischen Kirchen- und Klosterstruktur legte Roger I. eine entscheidende Grundlage für die normannische Monarchie. Bei seinem langfristigen Ziel der Latinisierung und in Zusammenarbeit mit dem Papsttum auch der Romanisierung Siziliens hatte der Graf jedoch auf die griechisch-byzantinischen Traditionen und den in weiten Teilen der Insel zahlenmäßig dominierenden arabischen Bevölkerungsanteil Rücksicht zu nehmen. In diesem Kontext ist die Förderung und Neugründung griechischer Klöster zu verstehen. Vor allem in den Bereichen der Verwaltung und dem Urkundenwesen übernahm Roger I. byzantinisch-griechische und arabische Traditionen und passte sie an die normannischen Bedürfnisse an.
Trotz seiner Bedeutung für die normannisch-sizilische Geschichte fehlte  bisher eine kritische Edition seiner Urkunden. Die letzten Versuche, einen größeren Teil seiner griechischen und lateinischen Urkunden zu edieren, reichen ins 18./19. Jahrhundert zurück. Ein Teil der Urkunden Rogers I. wurde nach arabischer Tradition zunächst auf Papier ausgefertigt und später, vor allem zur Zeit Rogers II., auf Pergament übertragen. Die Wahl von Papier als Beschreibstoff führte zu großen Verlusten unter den Originalurkunden des Grafen. Da die Mehrheit der Bevölkerung Kalabriens und Siziliens griechisch oder arabisch sprach, wurden die Urkunden Rogers I. vorwiegend in Griechisch ausgestellt. Die griechischen Privilegien Rogers I. ähneln sowohl hinsichtlich formaler wie auch inhaltlicher Merkmale den Verfügungen der hohen Amtsträger in der byzantinischen Provinzverwaltung. Denn an diesen hatten sich die griechischen Notare des Grafen orientiert.
Die unzureichende Erschließung des urkundlichen Materials hat sicherlich dazu beigetragen, dass Roger I. bislang von der mediävistischen Forschung vernachlässigt wurde. In der vorliegenden Publikation werden das erste Mal alle überlieferten griechischen und lateinischen Urkunden Rogers I., darunter noch einige unedierte, einem weiteren Kreis von Wissenschaftlern zugänglich gemacht. Dank eines kritischen Anmerkungsapparates, einem ausführlichen Regest sowie eines detaillierten diplomatischen und inhaltlichen Kommentars zu jeder Urkunde können neue Forschungen über die sizilisch-normannische Geschichte angeregt und ermöglicht werden.