Das Schriftmaterial des Klosters San Salvatore am Monte Amiata, einer Abtei zwischen Reich und Papsttum (11.-13. Jahrhundert)

Dr. Mario Marrocchi

Marrocchi, Mario: Monaci scrittori. San Salvatore al monte Amiata tra Impero e Papato (secoli VIII-XIII), Florenz, Firenze University Press (Reti medievali 18), 2014.
Elektronische Veröffentlichung:
http://digital.casalini.it/9788866555964

Das Forschungsprojekt beruht auf einem Abkommen, welches das Dipartimento di Storia der Universität Siena und das Deutsche Historische Institut mit dem Ziel abgeschlossen haben, die methodologische Zusammenarbeit, den Erfahrungsaustausch sowie die Vertiefung und Erweiterung der Quellenkenntnisse im Hinblick auf die Toskana und insbesondere auf Siena zu fördern. Das im Kloster San Salvatore am Monte Amiata produzierte und aufbewahrte Schriftmaterial eignet sich für diese Zwecke auch deshalb, weil es die Gelegenheit bietet, neue methodologische Ansätze zu entwickeln, die seiner Vielfalt Rechnung tragen. Als eine der wichtigsten mittelalterlichen Klostergründungen in der Toskana findet sich in der Abtei eine außerordentliche Menge an Schriftquellen, die weit über den frühmittelalterlichen, von Wilhelm Kurze im Verlauf der letzten Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts edierten Teil des Urkundenbestandes (8. Jahrhundert – 1198) hinausgeht.

Die genannte Edition hat die Forschungen zur südlichen Toskana zweifellos nachhaltig angeregt, doch heute scheint es angebracht, den Blick auch über den restlichen Teil des Urkundenbestandes hinaus auf das gesamte Schriftmaterial des Klosters auszuweiten. Folglich richtet sich die Aufmerksamkeit auf die verschiedenen, heute in den Staatsarchiven von Florenz und Siena liegenden Bestände und auf die Überlieferungsgeschichte der Handschriften. Nach der Ende des 18. Jahrhunderts im Zuge der leopoldinischen Reformen erfolgten Aufhebung des Klosters gelangten tatsächlich nur sieben Handschriften in die Biblioteca Medicea Laurenziana, wo sie den Fond der „Amiatini“ bildeten. Andere gingen verstreute Wege und landeten zum Teil auch im Antiquitätenhandel; um unsere Kenntnisse über die Klosterbibliothek zu konsolidieren und die in jüngerer Zeit formulierte Annahme zu überprüfen, es habe dort ein Skriptorium gegeben, müssen diese Aspekte vertieft werden.

Eine Untersuchung des unterschiedlichen im Kloster San Salvatore entstandenen Schriftmaterials soll dazu beitragen, Informationen über seine Entwicklung zwischen dem 11. und dem 13. Jahrhundert, d.h. während der letzten Periode seiner benediktinischen Zugehörigkeit bis zur Übernahme durch die Zisterzienser zu gewinnen. Dieser Wechsel war nicht nur für die Quellenproduktion und –aufbewahrung wichtig. Über das Interesse hinaus, welches das Material als Zeugnis für die handschriftlichen Traditionen und die kulturelle Spannbreite der Abtei weckt, bietet der hier gewählte Zeitrahmen zahlreiche Verbindungslinien zur territorialen und institutionellen Geschichte. Das Kloster San Salvatore befand sich in einem Gebiet, das damals einen Ort der Begegnung und des Kontrasts zwischen der kaiserlichen und päpstlichen Gewalt darstellte. Als nicht unbedeutend erwiesen sich dabei die Versuche der römischen Kirche, eine erstrangige Kontrolle zumindest über das südliche Territorium Tusziens auszuüben; das gilt insbesondere für den Pontifikat Innozenz III., in einer weniger ausgeprägten Form aber auch für frühere Zeiten.

Die Abtei San Salvatore kann als paradigmatischer Fall für die wichtigen Veränderungen und Brüche in der Geschichte der südlichen Toskana in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts untersucht werden. Das Gebiet von Chiusi war mittlerweile unter die Stadtherrschaften von Siena und Orvieto aufgeteilt worden, die sich ihrerseits selbst darum bemühten, die eigenen politischen Interessen und Verwaltungsstrukturen mit den lokalen und herrschaftlichen Gewalten in Einklang zu bringen; während Siena wiederholt einen Bezugspunkt für die kaiserlichen Kräfte bildete, diente Orvieto dem Papsttum als Brückenkopf nach Tuszien. In diesem Zusammenhang erwies sich die Ankunft des Zisterzienserordens als grundlegende Etappe für die Geschichte des Klosters San Salvatore, als zentraler Moment in dessen institutioneller Entwicklung. Mit dem Ausgriff auf das 13. Jahrhundert kann die Untersuchung dieser wichtigen Reichseinrichtung zu Reflexionen anregen, welche die Rolle des Papsttums in dieser Region und folglich die Beziehungen zwischen den beiden ‚zentralen’ mittelalterlichen Mächten berühren.

Auf historiographischer Ebene wird es nützlich sein, die Abtei am Monte Amiata nicht nur mit weiteren toskanischen Klöstern zu vergleichen, sondern auch die großen, im Einflußbereich der römischen Kirche liegenden Abteien wie zweifellos Santa Maria in Farfa und Montecassino, aber auch San Vincenzo am Volturno und San Clemente in Casauria heranzuziehen, um hier nur die wichtigsten zu nennen. Ebensowenig darf das institutionelle Umfeld vergessen werden; tatsächlich scheint es wichtig zu sein, die Bindungen des Klosters an Rom näher zu bestimmen, die seine Entwicklung nachhaltig beeinflußten, wobei allerdings der territoriale Zusammenhang zu berücksichtigen ist, der im Verlauf des Mittelalters ein spezifisches, regelrecht toskanisches Profil gewann.