Römische Mehrchörigkeit (ca. 1600-1710). Untersuchungen zu Geschichte, Satztechnik und Aufführungspraxis

Dr. Florian Bassani

"... Il faut que ie vous auoüe que ie n'eus iamais vn tel rauissement"

Rom, September 1639. An der Kirche Il Gesù, dem Stammhaus der Jesuiten, erklingt im Hochamt anlässlich des hundertjährigen Bestehens des Ordens eine außerordentliche Festmusik, eine Messe für acht Chöre, dargeboten von den besten Sängern und Instrumentalisten der Stadt. Die Ensembles sind über den weiten Raum des reich geschmückten Gotteshauses verteilt, und obgleich sie nur Teil der prächtigen Szenerie sind, lässt ihr kunstvolles Zusammenwirken die Chronisten tief beeindruckt.

Die Mehrchörigkeit als die vielleicht prachtvollste Erscheinungsform liturgischer Musik überhaupt erlebt in Rom während des 17. Jahrhunderts eine einzigartige Blütezeit. So sind Festmusiken, die vier, sechs oder acht, in den extremsten Fällen gar zwölf und mehr Chöre mit mehr als 150 Mitwirkenden erforderten, vielfach dokumentiert. Dennoch hat keine einzige zehn- oder zwölfchörige Komposition die Jahrhunderte überdauert. Dem heutigen Betrachter stellt sich daher zuallererst die Frage nach der Beschaffenheit der Werke, die zu solchen musikalischen Großereignissen erklangen. Interessanterweise lassen sich unterschiedliche Arten der Bearbeitung nachweisen, die es unter anderem erlaubten, kleiner besetzte und selbst einchörige Kompositionen durch relativ einfache Schritte der Adaption für mehrchörige Besetzungen einzurichten. Dabei eröffnet die Tatsache, dass das menschliche Gehör bereits bei einem musikalischen Satz von sechs bis acht realen Stimmen an die Grenzen seiner Differenzierungsfähigkeit stößt, unerhörte Möglichkeiten für den Bearbeiter. Tatsächlich ist die gezielte Nutzung dieses Umstandes für die Wirkungskraft einer Mehrchörigkeit römischer Prägung von elementarer Bedeutung.

Im Zentrum unseres Interesses steht die Entwicklungsgeschichte der römischen Polychorie, die zunächst anhand zeitgenössischer Dokumente und unter besonderer Betrachtung der bedeutendsten Kirchenkapellen (Cappella Giulia, Cappella Pia, Cappella Liberiana sowie der Kapelle von S. Luigi dei Francesi) nachgezeichnet werden soll. Hinzu kommt die Erfassung des erhaltenen mehrchörigen Repertoires aus der Feder römischer Kapellmeister. Zudem ist vorgesehen, eine repräsentative Auswahl polychorer Kompositionen in Partitur zu edieren und damit für künftige Forschungen zugänglich zu machen. André Maugars' detaillierte Beschreibung der Aufführung einer zehnchörigen Vesper in der Kirche S. Maria sopra Minerva (1639), aus der auch das obige Zitat stammt, dient ferner als Vorlage für den exemplarischen Versuch der mehrchörigen Einrichtung einer in ihrer Originalgestalt nur real zweichörigen Psalmkomposition.

Einen weiteren Brennpunkt der Aufmerksamkeit bilden die praktischen Erfordernisse bei der musikalischen Wiedergabe mehrchörigen Repertoires, insbesondere die eigentümliche räumliche Koordination der Aufführung. Dabei geht die Untersuchung über den rein quellenkundlichen Ansatz hinaus und nähert sich dem Fragenkreis polychoren Dirigierens auch auf empirischem Wege an. Unser Interesse gilt der direktionstechnischen 'Übertragung' des Kapellmeisterdirigates per Sichtkontakt durch stellvertretende Taktschläger auf die einzelnen, auf Tribünen über den Raum verteilten Chöre. Zur praktischen Erforschung dieser Koordinationsweise wird die Zusammenarbeit mit einer Musikhochschule angestrebt. In einer mehrwöchigen Arbeitsphase sollen dabei polychore vokal-instrumentale Werke römischer Meister erarbeitet werden. Die aus dieser Versuchsanordnung gewonnenen Erkenntnisse sollen helfen, den sich schon im Vorfeld unserer Untersuchung ergebenden Fragen zur realen Umsetzbarkeit der mehrchörigen Koordinationspraxis sowie zur Überzeugungskraft polychorer Adaptionen zu begegnen.