Die Last von Achsenbündnis und Besatzung. Nationale Erinnerungskulturen und deutsch-italienische Beziehungen 1945 bis heute

PD Dr. Lutz Klinkhammer

Die Schatten des Zweiten Weltkriegs reichen bis in unsere Gegenwart hinein: Die politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung um die Kriegsvergangenheit (Kriegsverbrecher­prozesse, Rückerstattungsdiskussionen, Wiedergutmachungsabkommen, Mediendebatten, das Bild der "sauberen Wehrmacht" auf bundesdeutscher Seite, das des "bravo italiano" und des "cattivo tedesco" auf der Apenninenhalbinsel) prägten einen wichtigen Teil der deutsch-italienischen Beziehungen seit 1949. Gelang es den Gründungsmitgliedern der EWG, während des Kalten Kriegs die Erinnerung an die Vergangenheit von Achsenkrieg und Besatzungszeit in einvernehm­liche vertragliche Bahnen zu lenken und die Wiederannäherung durch Ausblenden bestimmter Teile der Vergangenheit zu erleichtern, so kam es seit den 1990er Jahren zu einem Wiederauf­brechen alter Wunden: mit einer – im europäischen Rechtsraum ungewöhnlichen – Welle verspäteter Kriegsverbrecherprozesse, mit der Blockierung von Entschädigungs­zahlungen an italienische Zwangsarbeiter seit 1999, mit einer deutschen Klage gegen Italien vor dem Inter­natio­nalen Gerichtshof in Den Haag wegen Verletzung der Staatenimmunität, mit Verstimmungen bis zur Ebene der Staatspräsidenten aufgrund konträrer Bewertungen deutscher und italienischer Gerichte und Staatsanwaltschaften zu Massakern der Wehrmacht in Italien und bis hin zum Wiederaufleben negativer Stereotypen der Deutschen in der Finanzkrise sowie in der Zeit nach dem Rücktritt Berlusconis und der harten Sparpolitik der Nach-Berlusconi-Regierungen. Aus­gehend von Archivrecherchen in Deutschland und Italien soll eine Studie entstehen, die die Ergeb­nisse der Wiedergutmachungspolitik und der Ahndung von Kriegsverbrechen mit der gesell­schaftlichen Befindlichkeit in beiden Ländern (v.a. in den Medien, bis hin zum Spielfilm) verbindet.


PD Dr. Lutz Klinkhammer
Stellvertretender Direktor, Referent für Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts
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