Geschichte der in Rom ansässigen deutschen Forschungs- und Kulturinstitute

Franziska Rohloff M.A., M.Ed.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Rom zu einem einmaligen internationalen Zentrum geisteswissenschaftlicher Forschung. Eine herausragende Rolle spielten hierbei die Altertumswissenschaften, die Geschichtswissenschaften und die Kunstgeschichte, für welche die Ewige Stadt als ein Zentrum der westlichen Zivilisation mit seinem historischen und kulturellen Erbe, als zentraler Ort der Speicherung, Tradierung und Präsentation von Wissen und Kultur sowie als Laboratorium der Entwicklung der Institutionen von Archiv, Bibliothek und Museum eine enorme Attraktivität entfaltete. Aber auch die hohe Präsenz von Künstlern aus ganz Europa, die seit der Mitte des 18. Jahrhunderts verstärkt nach Rom strömten und als Erste die Etablierung nationaler Akademien vor Ort anstrebten, förderte den regen geistigen, übernationalen Austausch. Mittlerweile beherbergt die Ewige Stadt zehn italienische und siebenundzwanzig nichtitalienische Akademien, Forschungs- und Kultureinrichtungen, die sich in erster Linie der Archäologie, der Kunstgeschichte und den Geschichtswissenschaften verschrieben haben. Sechs der siebenundzwanzig nichtitalienischen Akademien, Forschungs- und Kultureinrichtungen befinden sich dabei in deutscher Trägerschaft. Neben dem 1888 gegründeten römischen Institut der Görres-Gesellschaft und der 1997 gegründeten Casa di Goethe existieren als älteste deutsche wissenschaftlicher Einrichtung im Ausland überhaupt das Deutsche Archäologische Institut, dessen Anfänge auf das Jahr 1829 zurückreichen, das 1888 gegründete Deutsche Historische Institut, die 1913 ins Leben gerufene, kunsthistorischen Studien gewidmete Bibliotheca Hertziana sowie die seit 1911 bestehende Künstlerakademie Villa Massimo.

Gemeinsam haben die vier zuletzt genannten deutschen Auslandsinstitute ein Forschungsvorhaben angestoßen, das erstmals ihre Geschichte institutsübergreifend vor dem Hintergrund der politischen und gesellschaftlichen Umbrüche der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (1918–1960) beleuchtet.
Im Fokus steht dabei in besonderem Maße die Phase der Neueröffnung der Institute nach dem Ersten Weltkrieg sowie ihre Entwicklung während der Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus einerseits und der Periode des Faschismus in Italien andererseits bis zur erneuten Schließung der Institute 1943, schließlich ihres Neubeginns zehn Jahre später im Vorzeichen der Annäherung Italiens und der Bundesrepublik Deutschland und den Anfängen der europäischen Integration. Dabei sollen jedoch nicht bereits erfolgte, teilweise vorliegende Einzeluntersuchungen etwa chronologisch in einem Band zusammengefasst werden. Ziel des Forschungsvorhabens stellt vielmehr die Erstellung einer problemorientierten Synthese dar, die neue Perspektiven auf die bisherigen Institutsgeschichten eröffnet.
Eine zentrale Frage widmet sich der Analyse personeller Verflechtungen von Akteuren in Rom, im Gastland und in Deutschland sowie der Untersuchung möglicher Kooperationsformen zwischen den Akademien, Forschungs- und Kultureinrichtungen. Mit diesem Zugang sollen unterschiedliche Beziehungsgefüge in den Blick genommen werden:

  1. Die Beziehungen der in Rom angesiedelten deutschen Forschungs- und Kulturinstitute untereinander.
  2. Die Beziehungen der deutschen Forschungs- und Kulturinstitute zum Gastland im Allgemeinen, den italienischen geisteswissenschaftlichen Akademien, Forschungs- und Kulturinstituten im Besonderen.
  3. Die Beziehungen der deutschen Forschungs- und Kulturinstitute zu den weiteren in Rom ansässigen, ausländischen geisteswissenschaftlichen Akademien, Forschungs- und Kulturinstituten bzw. zur internationalen 'scientific community'.
  4. Die Beziehungen der deutschen Forschungs- und Kulturinstitute zur 'deutschen Kolonie' in Rom.
  5. Die Entwicklung von Forschungsthemen und -agenden.

Die Positionierung der vier deutschen Auslandsinstitute innerhalb des Spannungsverhältnisses zwischen Wissenschaft, Kultur und Politik erweist sich dabei als ein weiteres potenzielles thematisches Forschungsfeld. So waren die in Rom angesiedelten deutschen Forschungs- und Kultureinrichtungen trotz ihres Sitzes im Ausland Teil des deutschen Wissenschaftssystems und wurden von deutschen Ministerien finanziell getragen oder zumindest unterstützt. Darüber hinaus nahmen leitende Institutsmitglieder zum Teil Funktionen mit national-repräsentativem Charakter wahr. Erkennbar ist daneben aber auch das Bestreben zur Wissenschaftsinternationalisierung unter Beachtung eines sich von der Politik abgrenzenden, auf Autonomie und Objektivität berufenden Wissenschaftsselbstverständnisses. Neben einem Überblick über die Quellen in italienischen und deutschen Archiven werden weitere potenzielle thematische Forschungsfelder im Laufe der Vorbereitungszeit des Projektes erschlossen.

Projektleitung:
Prof. Dr. Martin Baumeister, Deutsches Historisches Institut
Prof. Dr. Ortwin Dally, Deutsches Archäologisches Institut, Abteilung Rom
Prof. Dr. Sybille Ebert-Schifferer, Bibliotheca Hertziana
Prof. Dr. Tanja Michalsky, Bibliotheca Hertziana
Dr. Joachim Blüher, Villa Massimo

Kooperationspartner:
Auswärtiges Amt
Bundesministerium für Bildung und Forschung
Unione Internazionale degli Istituti di Archeologia, Storia e Storia dell’arte in Roma

Finanzierung:
Max Weber Stiftung

Bearbeiterin:
Franziska Rohloff M.A., M.Ed.
Vita
Schriftenverzeichnis
+39 06 66049255
rohloff[at]dhi-roma.it

Literatur:
- Joachim Blüher (Hg.), Villa Massimo. Deutsche Akademie Rom 1910–2010. Hundert Jahre Deutsche Akademie Rom Villa Massimo, Köln: Wienand 2011.
- Sybille Ebert-Schifferer/Marieke von Bernstorff (Hg.), 100 Jahre Bibliotheca Hertziana. Die Geschichte des Instituts 1913–2013, 2 Bde., München: Hirmer 2013 (Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte 1).
- Reinhard Elze/Arnold Esch, Arnold (Hg.), Das Deutsche Historische Institut in Rom. 1888–1988, Tübingen: Niemeyer 1990 (Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom 70).
- Thomas Fröhlich, Das Deutsche Archäologische Institut in Rom in der Kriegs- und Nachkriegszeit bis zur Wiedereröffnung 1953, in: Michael Matheus (Hg.), Deutsche Forschungs- und Kulturinstitute in Rom in der Nachkriegszeit. Tübingen: M. Niemeyer 2007 (Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom 112), S. 139–179.
- Matheus, Michael (Hg.), Deutsche Forschungs- und Kulturinstitute in Rom in der Nachkriegszeit, Tübingen: M. Niemeyer 2007 (Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom 112).
- Marie Vigener, "Ein wichtiger kulturpolitischer Faktor". Geschichte des Deutschen Archäologischen Instituts im 20. Jahrhundert / Das Deutsche Archäologische Institut zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit, 1918 bis 1954. Rahden, Westf: Leidorf 2012 (ForschungsCluster 5, Geschichte des Deutschen Archäologischen Instituts im 20. Jahrhundert 7).
- Angela Windholz, Et in academia ego. Ausländische Akademien in Rom zwischen künstlerischer Standortbestimmung und nationaler Repräsentation [1750–1914]. Regensburg: Schnell & Steiner 2008.