"Propagandawege" und "plurale Akteure": Überlegungen zu einer Wissensgeschichte des Römischen Universalismus (1580–1680)

Dr. Sabina Brevaglieri

Auf dem langen, diskontinuierlichen und konfliktreichen Weg, in dessen Verlauf sich 1622 die Gründung der Kongregation De Propaganda Fide durch das Papsttum einordnet, erweisen sich die Reisen, die von Missionaren mit diplomatischen und/oder informellen Aufträgen aus ihren Missionsgebieten in Asien und Amerika nach Rom und an andere europäische Höfe unternommen wurden, als besondere Begleiterscheinungen und spezifische Konfigurationen einer facettenreichen Entwicklung des päpstlichen Universalismus im 16. und 17. Jahrhundert. Diese räumlichen Erfahrungen, die hier experimentell als "Propagandawege" bezeichnet werden, unterscheiden sich sowohl hinsichtlich der Rahmenbedingungen und unmittelbaren Zwecke als auch in ihren Routen und Ergebnissen; sie können als kommunikative Nebenlinien in den komplexen Beziehungsverhältnissen zwischen dem Papsttum und den Missionswelten verstanden werden. In der beständigen Abfolge von Nähe und Ferne ermöglichen sie, den multipolaren Charakter dieses Verhältnisses und die konstante Verflechtung des römischen Ausgriffs mit anderen Arten von universalistischen Programmen herauszuarbeiten. An den Propagandawegen offenbart sich andererseits vor allem die Vielfalt der Akteure und Ansprüche, die den Prozess einer umfassenden Neuformulierung der Beziehungen der Kirche zu einer expandierenden Welt beeinflusst haben.

Im römischen Horizont werden auf europäischer Ebene andere Akteure vermittelnd tätig, wodurch sie im Rahmen der konfessionellen Auseinandersetzungen des Dreißigjährigen Krieges in verschiedenen Kontexten und Formen Beziehungsräume schaffen. Mit ihren unterschiedlichen Interessen, vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Herkunft und je spezifischen Handlungsfähigkeit bewegen auch sie sich aufgrund ihrer mobilen Positionierung an Höfen, Einrichtungen und in Städten sowie aufgrund ihrer Netzwerke in formalen und informellen Zusammenhängen. Es handelt sich bei ihnen nicht nur deshalb um plurale Akteure, weil sich in historischer Perspektive ihre Zusammensetzung ändert, sondern auch, weil sie im Schnittpunkt zahlloser mobiler Dimensionen stehen. Die daraus hervorgehende Komplexität wird fragmentarisch in wechselnden Konfigurationen fassbar, an denen sich die für den römischen Universalismus charakteristische Spannung zwischen Handeln und Struktur, zwischen dem lokalen und dem globalen Aspekt ablesen lässt.

Einer Logik des "penser par cas" (J. Revel) folgend, untersucht das Projekt diese unterschiedlichen Konfigurationen in ihrer Vernetzung; sie werden dabei als Laboratorien des Politischen verstanden, die ein dichtes Kommunikationsnetz und eine komplexe räumliche texture auszeichnet, wobei die Zentralität Roms ständig neu definiert wird und ihre Grenzen offenbart. Innerhalb dieser komplexen Kommunikationssphäre erweisen sich die als gesellschaftliche Produkte verstandenen Wissensbestände als Ressourcen, die von den Akteuren mit Blick auf ihre zahlreichen Ansprüche mobilisiert wurden. Der Moment, in dem die Wissensbestände entstanden, ihre beständige Neugestaltung, ihre Zirkulation in verschiedenen Welten werden damit zum Brennspiegel, über den eine mehrstimmige und multiskalare Geschichte des römischen Universalismus in Angriff genommen werden kann.

Dr. Sabina Brevaglieri
2014/15 Postdoc-Stipendiatin des DHI Rom