Klima und Mensch in der Krise des Spätmittelalters. Bologna und Siena am Übergang von der hochmittelalterlichen Warmzeit zur Kleinen Eiszeit

Dr. Martin Bauch

Zwischen 1250 und 1350 berichten Quellen vermehrt über kalte Winter und verregnete Sommer und andere meteorologische Extremereignisse im spätmittelalterlichen Italien. Dahinter verbirgt sich mutmaßlich der Klimaumschwung von der sogenannten Hochmittelalterlichen Warmzeit zur Anfangsphase der Kleinen Eiszeit, wie naturwissenschaftliche Befunde nahelegen. Welche nachweisbaren ökonomischen, sozialen und vielleicht sogar politischen und kulturellen Konsequenzen hatte diese Klimaverschlechterung? Was bedeuteten mehrjährige Schlechtwetterperioden und die daraus resultierenden Extremereignisse wie Fluten und Vereisungen für Ernte, Viehbestand, Wohngebäude, Verkehrsinfrastruktur und Siedlungen?
Die etablierte Mediävistik in Italien wie in Deutschland hat sich dafür kaum je interessiert, obwohl gerade die Krise des 14. Jahrhunderts, die spätmittelalterlichen Agrardepression und die Große Pest von 1348-1351 in diesen Zeitraum fallen. Der klimatische Faktor wurde bei diesen klassischen Forschungsthemen aber regelmäßig ausgeblendet, nicht zuletzt aus Angst vor deterministischer Argumentation. Fallstudienartig fasst das Forschungsprojekt mit Siena und Bologna zwei konkrete Kommunen ins Auge. Die Auswahl der Städte begründet sich (wirtschafts-)geographisch und politisch, aber auch durch die reichen archivalischen Bestände gerade für wirtschafts- und institutionengeschichtliche Fragen. Eine breite, teils internationale Forschercommunity arbeitet seit Jahren zur Verfassungs-, Wirtschafts- und Demographiegeschichte beider Städte und stellt so den notwendigen Kontext für die Untersuchung bereit. Denn eine plausible Abgrenzung der klimatischen Einflüsse von anderen Faktoren kann nur gelingen, wenn eine elaborierte lokale Wirtschafts-, Politik- und Sozialgeschichte die nicht-klimatischen Ursachen von Hungersnöten, Epidemien und Unruhen bereits ausführlich skizziert hat. Die Aussagen der erzählenden Quellen werden auch durch Vergleich mit naturwissenschaftlichen Befunden (Dendrochronologie, Eisbohrkernforschung, Umweltphysik) grundlegend überprüft und durch den Rückgriff auf wirtschaftsgeschichtliche Dokumente Folgen ans Tageslicht gebracht, die in den Chroniken nicht oder nur unklar erkennbar sind. Die beiden Detailstudien zu den genannten Kommunen können dabei helfen, die Wirkmächtigkeit der Klimaverschlechterung in ein fundiertes Verhältnis zu anderen Faktoren zu setzen. Sicher ist die Beweisführung für tertiäre, meist kulturelle Effekte einer Klimaverschlechterung am schwierigsten und wird vermutlich über plausible Indizien nicht hinausgehen können.
Das skizzierte Projekt will auch durch seinen interdisziplinären Ansatz mehr bieten als eine reine Klimarekonstruktion. Es stellt einen fundamentalen Aspekt der mittelalterlichen Geschichte in den Fokus der Untersuchung, die Einwirkung sich vergleichsweise rasch ändernder klimatischer Rahmenbedingungen auf Wirtschaft, Politik und Mentalität einer von der agrarischen Produktion abhängigen, aber gerade in Italien schon sehr urban geprägten Gesellschaft.