Metamorphosen italienischer Barbarossabilder (12. - 21. Jahrhundert)

Dr. Kai-Michael Sprenger

Kaiser Friedrich I. Barbarossa wird in Italien als ambivalente, ja polarisierende Figur wahrgenommen. In Mailand, in Tortona und Asti gilt er damals wie heute als Symbol einer erdrückenden Fremdherrschaft; in Como, Pavia, Lodi sowie anderen zur Stauferzeit tatsächlich oder vermeintlich kaiserfreundlichen Kommunen erinnert man ihn dagegen als Städtegründer oder Förderer der eigenen Stadtentwicklung. Im umbrischen Spoleto erinnert man – je nach Kontext – sogar beides: den Aggressor wie den freigebigen Kaiser, der 1185 – 30 Jahre nach Zerstörung der Stadt durch kaiserliche Truppen 1155 – eine heute noch verehrte und für die lokale Identität bedeutende Marienikone als Geste der Versöhnung gestiftet haben soll. Angesichts dieser konträren bzw. ambivalenten lokalen Traditionen und Erinnerungskulturen wird man bei der Frage nach der oder besser den italienischen Perspektiven auf Friedrich Barbarossa schon bei den Zeitgenossen sehr heterogene Befunde konstatieren müssen, welche in den nachfolgenden Jahrhunderten in qualitativ sehr unterschiedlichen Traditionen, Kontexten und Ausprägungen ein Echo in Geschichtsschreibung, Kunst und Literatur, aber auch in Film und politischem Diskurs gefunden haben.
Die Dynastie der Staufer hat traditionell eine hohe rezeptionsgeschichtliche Aufmerksamkeit in der Forschung erfahren. Für Kaiser Friedrich I. Barbarossas fehlt bislang jedoch eine Epochen übergreifende und interdisziplinär angelegte Studie, die in einer rezeptionsbiograpischen Perspektive eine Typologie dieser diversen, z. T. kontrastierenden Erinnerungen und Geschichtsbilder erstellt und in ihren intendierten bzw. tatsächlichen Wirkungen in jenem Land untersucht, dem Barbarossa seinen Beinamen verdankt. In zahlreichen Städten und Regionen Italiens hat man sich seit dem 12. Jahrhundert bis heute immer wieder auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen – historisch begründet oder fiktiv – auf Kaiser Friedrich Barbarossa bezogen und über ihn eine jeweils eigene historische Identität definiert, sei es in Abgrenzung zum tyrannischen Aggressor, gegen den man heroisch das Land verteidigte, sei es in dankbarer Erinnerung an den wohltätigen Kaiser. Doch welche Traditionslinien und funktionalen Parameter, welche Erwartungshaltungen waren hier wann für welches Barbarossabild prägend? In welchem Verhältnis stehen Faktizität und Fiktionen zueinander und welchen Metamorphosen und politischen Kontextualisierungen unterliegt das Feind- bzw. Freundbild Friedrich Barbarossa? Wie viel Identität vermochte und vermag der gute oder schlechte Kaiser Friedrich wo und wann in Italien zu stiften? Hier öffnet sich ein weites Feld mit Blick auf unterschiedlichste Entstehungskontexte und ein überaus heterogenes, letztlich nur in einer interdisziplinären Methodik zu erfassendes Quellenmaterial. Die kommunale Historiographie seit dem 12. Jahrhundert oder hagiographische Quellen geraten hier ebenso in den Blick wie genealogische Fälschung vermeintlich vom Staufer privilegierter Familien, lokale Legenden oder die perspektivisch verzerrten Meistererzählungen während des Risorgimento. Die Studie fragt aber auch nach den vielfältigen kunsthistorischen Rezeptionen und den literarischen Lesarten der Figur Barbarossas von Dante bis Umberto Eco sowie seinen Interpretationen in Theater und Musik, etwa in den Inszenierungen von Verdis Oper „La battaglia di Legnano“ von 1849 bis heute. Schließlich werden Kontexte untersucht, die schon durch ihre gezielte Medialität eine größere Breitenwirkung und Identitätsstiftung für sich in Anspruch nehmen. Neben Schulbüchern ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert zählen hierzu auch die „rievocazioni storiche“ Barbarossas und seiner Zeit auf diversen Mittelalterfesten im Zuge eines zunehmenden „Medievalismo“, vor allem aber aktuelle Instrumentalisierungen des Stauferkaisers in politischem Diskurs und Film als Projektionsfläche fragwürdiger separatistischer Bestrebungen, etwa seitens der Lega Nord. Auf der Grundlage jüngerer Forschungen zum Kulturellen Gedächtnis werden die unterschiedlichen Befunde zu den italienischen Rezeptionen der Figur Kaiser Friedrich I. Barbarossas schließlich zu einem ergiebigen Untersuchungsgegenstand auch neuer methodischer Instrumentarien und interdisziplinärer Fragestellungen, mit denen sich über eine Typologie oder reine Motivgeschichte hinaus vor allem die spezifische Zeit- und Standortgebundenheit der lokalen, regionalen oder auch nationalen Erinnerungen Italiens an „Federico Barbarossa“ exemplarisch sehr viel differenzierter und dichter beschreiben lässt.