Antifaschismus in Westeuropa. Politik und Erinnerung deutscher, französischer und italienischer Sozialdemokraten und Sozialisten zwischen politischem Neubeginn und Kaltem Krieg (1945 - um 1960)

Dr. Jens Späth

Antifaschismus, so die Grundthese der Arbeit, dient einerseits als leitendes Paradigma und Deutungshorizont, über den sich Sozialdemokraten und Sozialisten in Abgrenzung zu ihren politischen Gegnern definierten, andererseits als Handlungskonzept für eine soziale Bewegung in internationaler Perspektive. Dementsprechend fragt die Untersuchung übergreifend danach, wie sozialdemokratische und sozialistische Männer und Frauen in bzw. aus Deutschland, Frankreich und Italien auf die Herausforderungen des Faschismus reagierten. Um die Akteure aus diesen drei Ländern zusammenzubringen und eine gemeinsame europäische Diskussion über den Faschismus in der Theorie und ggf. gemeinsame Aktionen sozialdemokratischer und sozialistischer Parteien anzustoßen, sollen jeweils die theoretische Diskussion über den Faschismus, die persönlichen Netzwerke und konkreten politischen Aktionen anhand ausgewählter Politikfelder sowie die nationalen und internationalen Formen von Diskussion, Zusammenarbeit und Erinnerung nach 1945 analysiert werden. Ferner sollen die Beziehungen der drei nationalen Gruppen untereinander daraufhin untersucht werden, inwiefern sie sich gegenseitig beeinflussten und ggf. eine Art sozialistischer „Ökumene“ bildeten. Neben der Organisations- und Parteigeschichte stehen vor allem die Handlungsmotive einzelner Personen im Vordergrund. Interessant wird es zudem sein zu fragen, inwiefern die den eigenen Ansprüchen der sozialistischen Bewegung nach betont internationale Ausrichtung der Realität im Denken und Handeln entsprach.

Den Ausgangspunkt bilden dabei stets die unterschiedlichen empirischen Erfahrungen der Akteure aus der Zeit der faschistischen Regime. Die Auseinandersetzung deutscher, französischer und italienischer Sozialdemokraten und Sozialisten mit dem Faschismus zerfällt dabei in verschiedene Phasen, die allesamt von Widerstand, Verfolgung, Exil, teils auch Bemühungen um internationale Zusammenarbeit – seltener von Rückzug ins Privatleben oder Anpassung –  gekennzeichnet sind.

Besonders vielversprechend im Hinblick auf neue Perspektiven der Exilforschung sowie der Geschichte sozialdemokratischen und sozialistischen Denkens in der Übergangsphase von totalitären zu demokratischen Strukturen scheint es, die Zäsur des Jahres 1945 zu überschreiten und den Zeitraum vom Kriegsende über die Zementierung der bipolaren Weltordnung durch die NATO und den Warschauer Pakt Mitte der 1950er Jahre bis hin zum Godesberger Programm, zur Fünften Republik und zur offiziellen Zusammenarbeit des Centro-Sinistra-Bündnisses 1959 bzw. 1958 und 1963 in der Untersuchung stark zu machen. Leitende Fragen hierbei sollen unter anderem sein: Aus welchen Motiven heraus brachten sich Sozialdemokraten und Sozialisten aktiv in die Politik der im Entstehen begriffenen neuen Staats- und Regierungsformen ein? Welche Ideen und Handlungskonzepte aus der Zeit der antifaschistischen Einheitsfront wurden nach 1945 weiterhin aufrecht erhalten und umgesetzt? Was geschieht unter den Vorzeichen des Kalten Krieges und dem Handeln der Sowjetunion? Wie hielten es die Sozialdemokraten und Sozialisten mit den Kommunisten? Schließlich: Wie versuchten deutsche, französische und italienische Sozialdemokraten und Sozialisten zwischen 1945 und ca. 1960 an den Faschismus zu erinnern?