Roma docta. Studieren im Rom der Renaissance

Prof. Dr. Michael Matheus (Mainz) und Rainer C. Schwinges (Bern) in Kooperation mit Dr. Andreas Rehberg (Roma), Prof. Dr. Anna Esposito (Roma) und Prof. Dr. Carla Frova (Roma)

Obgleich in Rom mit dem Studium Urbis (heute Universität La Sapienza) sowie der Kurienuniversität seit dem Beginn des 14. Jahrhunderts zwei Hohe Schulen existierten (jedenfalls wenn Papst und Kurie präsent waren), spielten die Stadt und ihre Universitäten in der vergleichenden europäischen Bildungs- und Universitätsgeschichte lange Zeit keine nennenswerte Rolle. Seit einigen Jahren werden verstärkt Anstrengungen unternommen, eine Neubewertung dieser Hohen Schulen sowie des „Studienorts Rom“ insgesamt vorzunehmen.

Dass Rom als attraktiver Studienort für Studierende aus dem nordalpinen Reichsgebiet, aus Frankreich Spanien und anderen europäischen Ländern lange Zeit nicht ernsthaft in den Blick genommen wurde, ist zunächst einmal der Quellenarmut vor Ort geschuldet, denn nahezu alle Universitätsakten und insbesondere Personenlisten sind bis zum Sacco di Roma verloren. Angesichts dieser Überlieferungssituation stellt sich die Frage, ob und inwieweit das lange Zeit festgeschriebene Urteil über die geringe überregionale Bedeutung der römischen studia nicht in hohem Maße durch diese Quellenverluste konditioniert wurde. Ferner dürfte die Rom vielfach immer noch zugeschriebene Dekadenz in vorreformatorischer Zeit das Interesse an universitätsgeschichtlichen Forschungen zum 15. und beginnenden 16. Jahrhundert behindert haben. Unterdessen wird immer deutlicher, dass Rom nach der Rückkehr von Papst und Kurie sich zu einer immer kosmopolitischer werdenden Stadt und einem interessanten Studienort entwickelte. Zu dieser Einsicht tragen sowohl die Auswertung bisher wenig beachteter, für die römischen Universitäten aber einschlägiger Quellengattungen, so die römischen Notariatsregister und die päpstliche Registerüberlieferung, als auch die Sichtung von in zahlreichen europäischen Archiven erhaltenen Zeugnissen zu den römischen Hohen Schulen bei. Im Frühjahr 2012 wurde am DHI in Rom die unterdessen in Gang gekommene internationale Forschung bilanziert. Zugleich wurde deutlich, welche enormen Chancen sich bei diesem Thema über engere institutsgeschichtliche Aspekte hinaus für Studien zu Phänomenen des kulturellen Transfers zwischen dem Norden und Süden Europas bieten.

Es ist vorgesehen, die bisher erzielten Ergebnisse in einem Sammelband zu veröffentlichen, der die Grundlage weiterer Forschungen bilden soll.


Michael Matheus:

Roma docta. Northern Europeans and Academic Life in the Renaissance (ca. 300 Seiten, in Vorbereitung).

Mit L. Schmugge: Echternach, Roma, Treviri. Tappe di una carriera accademica nel Rinascimento, in: A. de Vincentiis (Hg.): Roma e il Papato nel Medioevo. Studi in Onore di Massimo Miglio, Bd. 1: Percezioni, Scambi, Pratiche, Roma 2012 (Storia e Letteratura, Raccolta di Studi e Testi 275), S. 491-523.

Ludolf von Enschringen. Ein Humanist zwischen Trier und Rom, in: S. Hirbodian/C. Jörg/S. Klapp/J. Müller (Hg.): Pro multis beneficiis. Festschrift für Friedhelm Burgard. Forschungen zur Geschichte der Juden und des Trierer Raums, Trier 2012 (Trierer Historische Forschungen 68), S. 349-368.

Roma docta. Rom als Studienort in der Renaissance, in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 90 (2010), S. 128-168.

Rom und Mainz. Italienische und deutsche Universitäten im 15. und beginnenden 16. Jahrhundert, in: Römische Quartalschrift für Christliche Altertumskunde und Kirchengeschichte 102/1-2 (2007) S. 47-75.

Fremde im Rom des Mittelalters und der Renaissance, in: K. Rohe (Hg.): Fremdsein. Historische Erfahrungen, Essen 1995 (Essener Unikate 6/7), S. 43-52.