Diplomatische Wissenskulturen der Frühen Neuzeit. Studien zu den kurialen Reichstagsgesandtschaften 1530-1582

PD Dr. Dr. Guido Braun

Die Geschichte der internationalen Beziehungen erfuhr in den vergangenen Jahren erhebliche methodische Transformationen und inhaltliche Erweiterungen, die zur Etablierung einer kulturelle, soziale und wirtschaftliche Interaktionen umfassenden internationalen Geschichte sowie einer neuen Diplomatiegeschichte führten. Im Rahmen einer Alltags- und Kulturgeschichte der Diplomatie rückten dabei auch lebensweltliche Erfahrungen, mentale Prägungen und soziale sowie zeremonielle Praktiken der Akteure diplomatischen Handelns in den Mittelpunkt.
Das Forschungsprojekt setzt hier an. Es widmet sich den kurialen Vertretungen am Reichstag zwischen 1530 und 1582, die sich politisch unter anderem mit den Problemen von Reformation und Konfessionalisierung auseinandersetzten. Dabei geht es jedoch nicht in erster Linie um eine Neubewertung der politischen Verhandlungen. Im Zentrum stehen vielmehr die kulturellen und sozialen Aspekte. Die Reichstage stellten nicht nur die "Reichsöffentlichkeit" her, auf denen sich die Fürstengesellschaft des Reiches sinnfällig konstituierte, sondern trugen mit ihren europäischen Vernetzungen auch zu einer kommunikativen Verdichtung auf "internationalem" Parkett dar.
Das Projekt untersucht, ob und wie sich an der römischen Kurie und bei ihren Nuntien und Legaten ein spezifisches Wissen über den Reichstag, seine Verfahrensformen, informellen Kommunikationsstrukturen  sowie die sozialen und kulturellen Praktiken der am Reichstagsort interagierenden Gesandten bzw. Fürsten herausbildete. Auf einer praxeologischen Ebene gehören dazu auch Fragen der praktischen Gesandtschaftsorganisation, der Beziehungen zur städtischen Gesellschaft  sowie der symbolischen Kommunikation.
Dieses Projekt ist als erste Etappe eines größeren Forschungsvorhabens konzipiert, das sich (zumindest verbunden mit einer Ausweitung auf Venedig, Frankreich und das Heilige Römische Reich) systematisch-vergleichend den Prozessen von Wissensgenerierung in der frühneuzeitlichen Diplomatie und ihrer Funktionsbestimmung im Zuge der Entwicklung einer neuzeitlichen "Wissensgesellschaft" zuwendet.