Urbane Inschriftenkulturen. Studien zur epigraphischen Praxis in den italienischen Städten des 12. und 13. Jahrhunderts

PD Dr. Marc von der Höh

Aus den Kommunen Nord- und Mittelitaliens hat sich eine große Zahl teilweise spektakulärer hochmittelalterlicher Inschriften und Inschriftengruppen erhalten. Diese wurden bislang nahezu ausschließlich im jeweiligen stadtgeschichtlichen Kontext zur Kenntnis genommen. Es fehlt entsprechend an systematischen Zugängen, die von den Einzelbefunden ausgehend allgemeine Aspekte kommunaler epigraphischer Praxis zu erfassen versuchen. Diese Forschungslücke will das Projekt zumindest teilweise schließen.
Grundlage für eine innovative Erforschung epigraphischer Praxis ist die Erkenntnis, dass Inschriften nicht nur als Texte, sondern als geformte materielle Objekte aufzufassen sind, die  bestimmte Bedeutungen (Inhalte) transportieren sollten und dazu in konkrete räumliche, architektonische und nicht zuletzt soziale Zusammenhänge eingebunden waren. Entsprechend muss die Beschäftigung mit Inschriften an theoretische Zugänge anschließen, die die Bedeutung der Materialität von Medien hervorheben. Als 'Texte im Raum' aufgefasst provozieren Inschriften vor allem Fragen nach den Wechselbeziehungen zwischen sozialen Formationen, deren räumlicher Organisation und der symbolischen Markierung bzw. Ausgestaltung dieser Räume, wie sie in den letzten Jahren immer stärker in das Blickfeld historischer Disziplinen gerückt ist.
Das Projekt kann natürlich nicht anstreben, einen vollständigen Katalog der überlieferten kommunalen Inschriften zusammenzustellen. Ziel ist vielmehr, einen systematischen Zugang zu entwickeln und an Beispielen zu erproben. Ausgangsthese soll hierbei sein, dass die Inschriftenkultur der italienischen Städte wesentlich durch zwei Faktoren bestimmt war: durch die kulturelle Orientierung der als Auftraggeber in Frage kommenden politischen und wirtschaftlichen Eliten einerseits sowie die aus der jeweiligen sozialen und politischen Struktur der Städte resultierende Vorprägung der Nutzung des Stadtraums andererseits. Es geht also einerseits um den kulturellen Code der bedeutungstragenden Aspekte Anbringungssituation, Materialität, Schriftbild und literarische Form der Inschrift. Wie unterscheiden sich in dieser Hinsicht etwa frühkommunale Inschriften von denen der ausgereiften und gefestigten Kommune des späten 12. und 13. Jahrhunderts? Welche Rolle spielten der Popolo und die Signori, die neu hinzutretenden epigraphischen Akteure des 13. Jahrhunderts? Andererseits ist die Untersuchung der Inschriften eng mit der Frage nach der Nutzung der (öffentlichen) Stadträume verbunden. Inschriften – zumindest die hier besonders interessierenden monumentalen Formen – markierten öffentliche Räume, sie sind somit nicht zuletzt Indikatoren für die Nutzung und Strukturierung bestimmter Räume, vor allem der öffentlichen Plätze und Straßen sowie der halböffentlichen Räume der Kommunalpaläste, Wohnhäuser, Residenzarchitekturen und Kirchenräume. Die Anbringung von Inschriften ermöglicht so auch Schlüsse auf die Nutzung und Instrumentalisierung der jeweiligen Räume durch die kommunalen Akteure.
Das Projekt versucht so grundsätzliche Einsichten in die Funktionsweise epigraphischer Formen in den italienischen Städten zu gewinnen. Hierbei geht es um Modellbildung vor dem Hintergrund medientheoretischer Angebote, aber auch um historische Kontextualisierungen, die von der Modellbildung ausgehend die Rahmenbedingungen der jeweiligen Inschriftensetzung rekonstruieren muss.