Grenzziehungen im Europa des 19. Jahrhunderts: eine transnationale Geschichte

Dr. Laura Di Fiore

Die Entstehung von Staaten modernen Typs, wie sie sich auf dem europäischen Kontinent im 19. Jahrhundert vollzog, trieb die politisch-administrative Festlegung des Hoheitsgebietes durch die öffentlichen Gewalten in einem bis dahin unbekannten Maß voran. Dieser hoheitliche Territorialisierungsprozess fand einen wichtigen Ausdruck darin, dass die äußeren staatlichen Grenzen sehr viel genauer als in der Vergangenheit gezogen wurden. Das Projekt beleuchtet den Herausbildungsprozess der modernen Territorialstaaten im Europa des 19. Jahrhunderts aus einem neuen Blickwinkel, insofern es nach dem Charakter einer solchen "Territorialität" fragt. Ergab sie sich einerseits aus institutionellen Initiativen, die von den vertikalen Machtinstanzen der entstehenden bzw. sich konsolidierenden Nationalstaaten ausgingen, lagen ihr andererseits Aushandlungsprozesse und Konflikte mit den sozialen Akteuren zugrunde, die in den Grenzgebieten lebten und den staatlichen Forderungen häufig die eigenen lokal geprägten Ansprüche gegenüberstellten, sich aber auch zuweilen die neuen Grenzverläufe instrumentell aneigneten, um sie zum eigenen Vorteil zu wenden.
Dem Projekt liegt eine interdisziplinäre Methodologie, die sich vor allem auf die Ergebnisse der border studies aus Anthropologie und Geographie stützt, und ein transnationaler Ansatz zugrunde, mit dem die Konstruktion der europäischen "Territorialität" am Beispiel Italiens, Frankreichs, Belgiens und Spaniens untersucht werden soll. Dabei geht es nicht so sehr darum, sie als einen zentralen Aspekt der sich vollziehenden Staats- und Nationsbildungsprozesse zu  behandeln; sie wird vielmehr als ein komplexeres Phänomen betrachtet, d.h. als Ergebnis einer konstanten interaktiven Dialektik zwischen der Staatsmacht und den sozialen Akteuren, die jene Grenzen, die man festlegen und stärken wollte, konkret an sich selbst erfuhren. Ziel ist es herauszuarbeiten, dass nicht nur die Konstruktion der staatlichen "Territorialität", sondern auch die vielschichtige polygenetische Entstehung ihrer Grenzen einen neuralgischen Punkt im Entstehungsprozess des modernen Europas darstellte.