Heilende Cäcilia. Sakrale Musik und Menschen mit Behinderung in Spitälern des deutschen und italienischen Sprachraums (16.–18. Jahrhundert)
Dr. David Merlin
Mittelalterliche und frühneuzeitliche Spitäler waren multifunktionale Institutionen, die der Versorgung von Menschen mit chronischen oder temporären Behinderungen (Kranke, Betagte, Menschen mit sensorischem, körperlichem oder kognitivem Defizit) dienten. Viele dieser Institutionen blieben bis ins 19. oder sogar 20. Jahrhundert aktiv. Trotz zunehmender Medikalisierung im Laufe der Zeit herrschte die Ansicht vor, dass die Heilung hauptsächlich vom Christus medicus durch häufige religiöse Praktiken geleistet wurde. Die Spitalinsass*innen beteten für sich selbst und die Wohltäter*innen des Spitals inner- und außerhalb dessen – nicht nur in der Kirche oder Kapelle – und im Zusammenhang mit den religiösen Handlungen fand eine intensive Musikpraxis statt. In den Spitälern wurde die Liturgie im täglichen, wöchentlichen und jährlichen Takt zelebriert (eucharistisch, sakramental, prozessional, Stundengebet). Liturgische Feiern waren von ein- und mehrstimmiger Musik begleitet und häufig auch von der städtischen Gemeinschaft besucht. Die tägliche Praxis des privaten sowie gemeinsamen Gebets war reglementiert und konnte das Singen von religiösen Liedern in der Volkssprache umfassen.
Das Forschungsprojekt untersucht anhand von Fallstudien aus dem cis- und transalpinen Raum die liturgischen und paraliturgischen Musikpraktiken in Spitälern der Frühen Neuzeit (ca. 16.–18. Jahrhundert). Dabei liegt der Fokus sowohl auf den Veränderungen, die durch die Reformation und Gegenreformation eintraten, als auch auf der Kontinuität einer ununterbrochenen Tradition vom Mittelalter bis an die Schwelle zur Moderne. Alle 'armen Kranken', einschließlich der Personen mit Behinderungen, waren in die Kulthandlungen eingebunden. Sie nahmen teils aktiv, teils passiv, mitunter sogar gezwungenermaßen am religiösen (Musik-)Leben der Spitäler teil. Die Untersuchung dieses Aspektes ist ein zentrales Anliegen der Studie. Ziel ist ein differenziertes Verständnis der Schnittstellen zwischen Behinderung, Musik und Religion im Kontext der Spitäler. Musikalische Quellen, präskriptive Texte sowie Archivmaterial bilden die Grundlage hierfür. Das Projekt ist in der historischen Musikwissenschaft verortet und beleuchtet einen bisher wenig erforschten Aspekt der europäischen Musikgeschichte: die musikalische Tradition der Spitäler. Ferner leistet es auch einen Beitrag zu den Disability Studies durch die Einbeziehung von Personen mit Behinderung, die einen wesentlichen Teil dieser Tradition ausmachte, und bisher kaum untersucht wurde.
Dr. David Merlin
Wissenschaftlicher Mitarbeiter Musikgeschichte
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