Communicating Difference. Jewish Life and Legal Culture across the Mediterranean
Jun.-Prof. Dr. Theresa Jäckh
Das Forschungsprojekt (zweites Buch/"Habilitation") setzt bei dem von Mark R. Cohen in "Under Crescent and Cross" (1994) formulierten Paradigma an, dem zufolge die Lebensbedingungen der jüdischen Minderheit im Durchschnitt günstiger und insbesondere stabiler unter muslimischer als unter lateinisch-christlicher Herrschaft waren. An Cohens vergleichendem Ansatz anknüpfend verlagere ich die Perspektive jedoch weg davon, wie die herrschende Mehrheitsgesellschaft über oder zu Jüdinnen und Juden sprach, hin zu der Frage, wie Jüdinnen und Juden selbst Differenz kommunizierten und wie dies in ihrer Rechtskultur greifbar wird.
Das Buch eröffnet mit gepaarten Schlaglichtern, die Cohens Paradigma für die Zeit zwischen ca. 1000 und 1300 einem Stresstest unterziehen: Gegenbeispiele, in denen muslimische Herrschaft harscher und latein-christliche entgegenkommender ausfiel; Konstellationen, in denen es in beiden Sphären zu akuter Gewalt kam, deren Folgen jedoch unterschiedlich ausfielen; sowie Phasen routinisierter fiskalischer und jurisdiktioneller Zugriffe. Anschließend verlagert sich der analytische Schwerpunkt auf das 14. und 15. Jahrhundert und zeichnet jüdische Rechtsdiskurse unter der Krone von Aragon und im Mamlukensultanat nach.
Genauer gesagt wertet der zentrale Teil des Buches Rechtsentscheide und Empfehlungen jüdischer Autoritäten aus, um alltagsnahe Anliegen zu rekonstruieren, die aus Interaktionen in einem nichtjüdischen Umfeld entstanden. Diese betreffen zumal Bereiche des Familienrechts (einschließlich Konversion, Mischehen, Vormundschaft, Erbrecht), die Produktion und den Handel von Lebensmitteln und Wein unter nichtjüdischer Beteiligung sowie geschäftliche Beziehungen über Gemeindegrenzen hinweg. Solche Gutachten werden als kommunikative Akte behandelt: teils sind sie Antworten auf reale Anfragen, teils hypothetische Übungen, immer aber Kartierungen möglicher Probleme und der halachischen Vorschläge zu ihrer Lösung. Ein drittes Kapitel wendet sich nach außen zur außergemeindlichen Prozessführung und zeichnet nach, wann und wie Jüdinnen und Juden Recht vor nichtjüdischen Autoritäten suchten: vor islamischen Gerichten oder Herrschern im mamlukischen Ägypten-Syrien; vor Königen oder Kommunen in Aragon und – in einigen Fällen – vor der Römischen Kurie als transregionaler Instanz. Zusammengenommen führen diese Fälle die Studie als vergleichende Geschichte jüdischer Agency unter muslimischer und lateinisch-christlicher Herrschaft weiter und zeigen, wie Jüdinnen und Juden Differenz innerhalb und über Jurisdiktionsgrenzen hinweg artikulierten und aushandelten.
Als Quidde Fellow am Deutschen Historischen Institut in Rom werde ich im Archivio Apostolico Vaticano und im Archivio Storico della Penitenzieria Apostolica forschen.
Jun.-Prof. Dr. Theresa Jäckh
Ludwig und Margarethe Quidde Fellow (Oktober 2025–September 2026)
Vita + Schriftenverzeichnis
+39 06 66049228
theresa[dot]jaeckh[at]dhi-roma[dot]it
