Schatten des Abendlands. Der Katholizismus im politischen Denken der europäischen Nachkriegszeit, 1945–1960

Dr. Simon Unger-Alvi

Dieses Forschungsprojekt untersucht das Verhältnis katholisch-konservativer Strömungen zur faschistischen und nationalsozialistischen Vergangenheit. Es legt den Schwerpunkt auf die Frage, wie sich die geistigen Beziehungen zwischen Christdemokraten und ehemaligen Unterstützern diktatorischer Regime in Italien, Deutschland und Frankreich gestalteten und untersucht dabei insbesondere den Einfluss der katholischen Kirche auf die Politik in Europa. Ziel ist es, die politischen Narrative der nachkriegszeitlichen Geistesgeschichte zu hinterfragen, die bisher weitgehend um widersprüchliche Kategorien von 'faschistischen Kontinuitäten' und 'demokratischem Neubeginn' kreisten. Stattdessen untersucht diese Arbeit, wie Christdemokraten mit ehemaligen Faschisten und Nationalsozialisten weitaus größer gefasste Fragen der Existenz in der Moderne, des Säkularismus und des ‚Kulturverfalls‘ diskutierten und dabei oft gemeinsame Antworten fanden.
Die Verbreitung und der Einfluss solcher Diskurse auf die westeuropäische Öffentlichkeit veranschaulichen eine neu gewonnene ideologische Führungsstärke der katholischen Kirche nach 1945. Basierend auf Parteischriften, Zeitungsartikeln und v.a. auch den neu zugänglichen Quellen des Apostolischen Archivs zum Pontifikat Pius' XII. sollen Muster eines religiös-konservativen Denkens erforscht werden, das sich einerseits für die demokratische Neugestaltung und Einigung Europas einsetzte, andererseits aber auch an klassisch reaktionären Themen festhielt. In der katholischen Vorstellungswelt der Nachkriegszeit fand sich z.B. häufig die Idee eines 'Dritten Wegs', um die europäische Kultur sowohl vor dem Kommunismus des Ostblocks als auch dem 'Materialismus' Amerikas zu bewahren. Dies ging mit neuen Konzepten wie der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland, dem Gaullismus in Frankreich oder dem katholischen Korporatismus in Italien einher. Gleichzeitig griff man aber auch auf ein westeuropäisch gedachtes 'Abendland' zurück, dessen vermeintliche Kontinuität zur Vormoderne und sogar zum christlichen Mittelalter wiederhergestellt werden sollte.
Das Forschungsprojekt versucht zu verstehen, wieviel Faschismus und Nationalsozialismus in den christlichen Konservatismus der Nachkriegszeit hineingetragen bzw. in ihm demokratisch umgedeutet wurde. Für die vermeintliche 'Rettung des Abendlands' ließen sich verschiedenste Vertreter der Rechten mobilisieren. Einerseits vereinfachte ein neues katholisches Selbstbewusstsein die Westbindung von Italien und der BRD, doch andererseits wurden mit kirchlicher Vermittlung auch enge Beziehungen zwischen demokratischen Staaten und klerikal gestützten Diktaturen in Spanien, Portugal und Lateinamerika geprägt. Es steht daher die Frage im Raum, inwiefern der Katholizismus der Nachkriegszeit Annäherungen innerhalb der europäischen Rechten ermöglichte, die vormals in Unterstützer und Gegner faschistischer Systeme gespalten war. Die Schwierigkeit besteht letztlich darin, eine christlich-konservative Mentalität zu rekonstruieren, in der Fragen nach Faschismus und Nationalsozialismus oft nicht als politisch entscheidend wahrgenommen wurden und in der Demokraten und ehemalige Faschisten stattdessen zu gemeinsamen politischen Ideen fanden. Insgesamt leistet die Arbeit so einen Beitrag zu einem neuen Verständnis der westeuropäischen Demokratisierungsprozesse und nimmt die oft unbeachteten Ambivalenzen zwischen westlich-demokratischen Impulsen und einem tief verwurzelten religiösen Konservatismus in den Blick.

Dr. Simon Unger-Alvi
Wissenschaftlicher Mitarbeiter Neuere und Neueste Geschichte
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