Die loyale Opposition – Religiöse Europäer zwischen Faschismus und christlicher Theologie, 1918–1968

Dr. Simon Unger-Alvi

Dieses Forschungsprojekt untersucht Beziehungen zwischen christlichen Intellektuellen und faschistischen Ideologen in Italien, Deutschland, Österreich und Frankreich. Um dichotome Unterscheidungen zwischen "Widerstand" und "Anpassung" infrage zu stellen, beleuchtet das Vorhaben Fälle von Unterstützern und Gegnern faschistischer Regime, die in direkten Kontakt miteinander traten. Während viele Exponenten christlich-konservativer Milieus eine Abneigung gegen die antichristlichen Elemente faschistischer oder nationalsozialistischer Herrschaft teilten, meinten dieselben Intellektuellen oft auch einen fehlgeleiteten, aber grundsätzlich "gesunden" religiösen Impuls in diktatorischen Systemen zu erkennen, die neue Formen von "Gemeinschaft" oder "Ganzheit" versprachen.
Basierend auf Tagebüchern, Briefwechseln und Zeitungsartikeln sollen Muster religiösen Denkens erforscht werden, die eine politische Partizipation in Diktaturen unterstützt haben. Selbst da, wo Faschismus und Nationalsozialismus aus christlichen Motiven heraus abgelehnt wurden, konnten sich Christen aus theologischen Überlegungen heraus Unrechtsregimen verpflichtet fühlen. In diesem Zusammenhang beschäftigt sich das Projekt insbesondere mit Diskussionen über Bibelstellen wie Römer 13 und über die protestantische Zwei-Reiche-Lehre. Zusätzlich wird aber auch die christliche Rezeption politischer Bücher, wie Oswald Spenglers Der Untergang des Abendlands, miteinbezogen. Hier finden sich immer wieder gemeinsame Motive, wie etwa die häufig wiederkehrende Vorstellung, ein europäisches und vermeintlich gottgewolltes "Schicksal" im Faschismus anerkennen zu müssen.
Ein wesentlicher Teil des Vorhabens besteht darin, zu untersuchen, bis zu welchem Grad solche Muster in der Nachkriegszeit fortentwickelt wurden. Gerade in der Christdemokratie der 1950er und 1960er Jahre findet sich häufig die Idee eines "Dritten Wegs", um die europäische Kultur sowohl vor dem Kommunismus des Ostblocks als auch dem "Materialismus" Amerikas zu bewahren. Insgesamt soll die europäische Dimension einer kontinuierlichen Problematik herausgestellt werden, die sich schon in den Primärquellen als ein Spannungsverhältnis zwischen Nationalismus einerseits und ständigen Verweisen auf das christliche "Abendland" andererseits offenbart. Dabei geht es darum, Mentalitäten zu rekonstruieren, in denen die Frage nach dem Faschismus oft nicht als die politisch entscheidende wahrgenommen wurde. Stattdessen gilt es zu verstehen, wie ehemalige Regimeunterstützer gemeinsam mit ehemaligen Regimekritikern weitaus größer gefasste Fragen der Existenz in der Moderne, des Säkularismus und des "Kulturverfalls" diskutierten und überraschenderweise oft zu gemeinsamen Antworten fanden.

Dr. Simon Unger-Alvi
Wissenschaftlicher Mitarbeiter Neuere und Neueste Geschichte
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