Das mediterrane Europa (de)konstruieren. Italienische Landwirte und die EWG-Süderweiterung (1970er–1980er Jahre)

Dr. Antonio Carbone

Schon bald nach ihrer Einführung im Jahr 1962 erwies sich die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EWG als eher ungünstig für die Landwirtschaft in den Mittelmeerregionen: Während die landwirtschaftlichen Erzeugnisse des "Kontinents" subventioniert wurden, genossen die Produkte des Mittelmeerraums lediglich Zollschutz. Dieser zunächst unterschätzte Nachteil erwies sich als erheblich, denn die GAP wurde zum teuersten Posten im Gemeinschaftshaushalt. Eine wichtige Gelegenheit, die Position der mediterranen Landwirtschaft grundlegend neu zu verhandeln, ergab sich im Zusammenhang mit den Diskussionen über den Beitritt Griechenlands, Spaniens und Portugals zur EWG. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich die italienischen Institutionen und verschiedene Bauernorganisationen an einem entscheidenden Scheideweg. Einerseits versprach die Erweiterung, das geopolitische Zentrum der Gemeinschaft neu zu definieren und den italienischen Bauern neue potenzielle Verbündete im Mittelmeerraum zu verschaffen. Andererseits befürchteten dieselben Akteure, dass insbesondere der Beitritt Spaniens zu einem Wettbewerb um die Positionierung von Agrarprodukten aus dem Mittelmeerraum auf dem gemeinsamen Markt geführt hätte.

Durch den Fokus auf die mediterrane Landwirtschaft und die Positionen der italienischen Landwirte will das Projekt die Spannungen verstehen, die durch das Betreben entstanden sind, mediterrane Produkte vor der internationalen Konkurrenz zu schützen. Dies steht jedoch traditionellen mediterranen Bestrebungen verschiedener Teile der italienischen Gesellschaft entgegen. Die Analyse der Landwirtschaft ermöglicht es, Hoffnungen und Ängste, die mit einer stärkeren Anbindung des Mittelmeerraums verbunden waren, in verschiedenen sozialen Schichten nachzuzeichnen. Damit soll die Forschungsperspektive erweitert werden, die meist die Eliten in den Blick nimmt. Das Projekt geht der Frage nach, ob, wie und warum die Idee einer Gemeinschaft mediterraner Staaten, Menschen und Landschaften die Positionierung verschiedener italienischer Bauernverbände in der Frage des Beitritts, insbesondere Spaniens, zur EWG beeinflusst hat.

Dr. Antonio Carbone
Wissenschaftlicher Mitarbeiter Projekt Das mediterrane Europa (de)konstruieren. Italienische Landwirte und die EWG-Süderweiterung (1970er–1980er Jahre)
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