Reisen über die Alpen. Deutschsprachige Musiker zwischen Kunst und Politik (1650-1750)

Dr. Britta Kägler

Kägler, Britta/Zur Nieden, Gesa: "Dieœ schönste Musik zu hören". Europäische Musiker im barocken Rom, Darmstadt 2012.

Tätigkeit und Wirkungsbereich von italienischen Künstlern jenseits der Alpen sind immer wieder im Fokus der historischen Forschung oder doch von kulturgeschichtlichen Arbeiten zumindest gestreift worden. Weniger im Vordergrund steht hingegen die Tatsache, dass sich im 17. und 18. Jahrhundert auch zahlreiche Künstler aus ganz Europa in Italien aufhielten.

Vor allem die drei Zentren Venedig, Rom und Neapel galten als Ausbildungsstätten ersten Ranges und übten eine entsprechend starke Anziehungskraft aus. Im Rahmen des DFG- und ANR-geförderten Projektes "Musici" werden beispielhaft frühneuzeitliche Musikerbiographien von der Mitte des 17. bis zur  Mitte des 18. Jahrhunderts in den Blick genommen. In interdisziplinärer Zusammenarbeit soll der zentralen Frage nach der Integration ausländischer Musiker in das italienische Musikleben nachgegangen werden. Berücksichtigung finden dabei insbesondere sozialgeschichtliche Ansätze, die auch die Mobilität von Musikern innerhalb Italiens untersuchen, der Austausch von Werken, Musikern und Instrumentenbauern zwischen Venedig und Neapel sowie die Einbindung europäischer Musiker in die Repräsentation politischer Macht.

An dieser Schnittstelle  setzt das Forschungsprojekt zu süddeutschen Musikern zwischen Kunst und Politik an. Ausgehend von einer landesgeschichtlich vergleichenden Perspektive werden der süddeutsche und der italienische Raum miteinander verknüpft. Nördlich der Alpen rücken damit vor allem die weltlichen und geistlichen Höfe sowie die Klöster als Aufführungsorte und Bühnen der Barockmusik in den Blick. Aus der entgegengesetzten Richtung ist es die zunehmende kulturelle Anziehungskraft städtischer Zentren, die eine Analyse der Strukturen von Kunstförderung und Aufführungspraxis zum geeigneten Untersuchungsfeld werden lässt. In einem ersten Schritt wird daher den Hintergründen der Anziehungskraft vor allem der drei genannten Städte Venedig, Rom und Neapel nachgegangen. Was wussten Künstler, insbesondere Musiker, aber auch deren Auftraggeber im Vorfeld über die italienischen Städte? Wurden reisende Musiker gezielt mit politischen Aufträgen - denkbar in Form von ad-hoc-Gesandtschaften - versehen? War der entscheidende Faktor, der diese Musikzentren europaweit so attraktiv werden ließ, vorrangig künstlerisch/musikalisch zu verstehen oder wurde diese Motivation vielmehr von politischen oder räumlich-geographischen Aspekten überlagert? In einem zweiten Schritt werden schließlich Integrationsanforderungen und Integrationsprozesse herausgearbeitet sowie der Stellenwert von Italienreisen für süddeutsche Musiker exemplarisch und vergleichend zu bestimmen versucht.