Edition der Tagebücher 1938-1940 von Luca Pietromarchi

Dr. Ruth Nattermann

Nattermann, Ruth: I diari e le agende di Luca Pietromarchi (1938-1940). Politica estera del fascismo e vita quotidiana di un diplomatico romano del '900 (572 S., 16 Abb. s/w) Roma 2009. Ricerche dell'Istituto Storico Germanico di Roma 5.  Inhalt/Bestellen

 

Zur Person

Der Graf Luca Pietromarchi (1895-1978) schlug im Jahr 1923 die diplomatische Laufbahn ein. Seit 1932 besetzte er Schlüssel-Positionen im Kabinett des Galeazzo Ciano: Von 1936 bis 1939 war er Leiter des Ufficio Spagna im italienischen Außenministerium, 1940 wurde er zum Ministro Plenipotenziario ernannt und übernahm den Vorsitz der Direzione Guerra Economica im Gabinetto Armistizio e Pace, das die Verhandlungen mit Deutschland, Frankreich, Slowenien und Kroatien führte. 1943 bereitete Pietromarchi zusammen mit General Castellano die Verhandlungen für den Waffenstillstand mit den Alliierten und den Austritt aus dem Bündnis mit Deutschland vor. Nach dem 8. September 1943 verschwand der Diplomat in den Untergrund.

Auf Befehl Mussolinis von seinen Ämtern suspendiert und an die deutschen Besatzer verraten, hielt Pietromarchi sich von Oktober 1943 bis März 1944 bei seiner Schwester Eleonora, der Ehefrau Bernardo Attolicos, versteckt. Gegen das Urteil der Epurazione, welche der Alto Commissariato per l'Epurazione gegen ihn verhängte, reichte Pietromarchi 1945 Berufung ein. Im Jahr 1947 ließ er sich als Korrespondent des "Osservatore romano" in Brasilien nieder, doch noch im selben Jahr wurde das Urteil vom Consiglio di Stato aufgehoben und Pietromarchi an das italienische Außenministerium zurückbeordert. 1950 wurde er Botschafter in der Türkei, wo er bis 1958 tätig war; für weitere drei Jahre war er Botschafter in Moskau.


Die Tagebücher

Trotz der zentralen Rolle Pietromarchis für die italienische Außenpolitik und seiner Nähe zu der politischen Führung des faschistischen Italien liegt bisher erstaunlicherweise keine Edition der neun ausführlichen Tagebücher vor, die der Diplomat während seiner Tätigkeit im italienischen Außenministerium verfaßte.

Auch haben Historiker die Tagebücher nicht in dem Maße als Quelle genutzt, wie von einem derartig relevanten Dokument zum italienischen Faschismus im Allgemeinen und seiner Außenpolitik im Speziellen hätte erwartet werden können. Der Historiker Renzo de Felice beschränkte sich darauf, einzelne Teile aus den Tagebüchern für seine monumentale Mussolini-Biographie als Quelle heranzuziehen.

Abgesehen von dieser Publikation wurden Pietromarchi und seine Schriften von der Forschung jahrelang vollkommen vernachlässigt. Erst als 1996 der Sohn des Diplomaten, der ehemalige Botschafter Antonello Pietromarchi, die Tagebücher der Fondazione Luigi Einaudi in Turin anvertraute, erwachte das Interesse an ihnen von neuem.

Der Historiker Paolo Soddu veröffentlichte 1997 verschiedene signifikante Tagebuchseiten aus den Jahren 1938, '41, '42 und '43 in den Annali della Fondazione Einaudi und wies nachdrücklich auf die Relevanz einer zukünftigen Gesamtedition der Tagebücher hin. Die bis heute bedeutendste Veröffentlichung von Schriften Pietromarchis bildet die Edition der Tagebücher, die Pietromarchi während seiner Moskauer Zeit - in den Jahren 1958 bis 1961 - schrieb (Firenze, Leo S. Olschki Editore, 2002, herausgegeben von Bruna Bagnato).

Ein Jahr nach dieser Publikation veröffentlichte Antonello Pietromarchi in der Zeitschrift "Nuova Storia Contemporanea" einen Ausschnitt aus den Memoiren seines Vaters, der neue Erkenntnisse über den Kriegseintritt Italiens lieferte. Das Potential der Dokumente Pietromarchis und die Brisanz einer baldigen Veröffentlichung seiner Schriften wurden auch hier evident.


Das Projekt

Das DHI Rom hat dieses Forschungsdesiderat erkannt. Ziel der kritischen Edition der Tagebücher Pietromarchis war es, die bedeutende Quelle weiten Wissenschaftlerkreisen zugänglich zu machen und den aktuellen Stand der Forschung durch neue Ergebnisse zu erweitern. Wichtig bezüglich der Frage der Authentizität des Textes war die Erkenntnis, daß die Tagebuchseiten keine Korrekturen oder Anmerkungen von der Hand Pietromarchis enthalten.

Seine Beobachtungen und Reflexionen scheinen aus dem Moment heraus entstanden zu sein. Als spontane, unmittelbare Quelle können die Tagebücher eventuell eine Gegenversion, zumindest aber eine wertvolle Ergänzung, zu anderen zeitgenössischen autobiographischen Versionen bilden. Im Laufe des Projektes wurden die handschriftlich überlieferten Tagebücher von Dr. Ruth Nattermann transkribiert, eingeleitet und kommentiert.

Nach der Sichtung der Diari in der Fondazione Luigi Einaudi im Januar 2004 mußte für den Beginn der Edition zunächst eine Auswahl aus der Fülle des Materials getroffen werden. Es wurde entschieden, mit dem Zeitraum 1938 bis zum Kriegseintritt Italiens im Jahre 1940 anzufangen. Das Jahr des "Anschlusses" stellt einen idealen Ausgangspunkt dar: Obwohl das Jahr 1938 in der Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges zentrale Bedeutung einnimmt, ist das Verhältnis zwischen den Partnern der "Achse" für diese Phase noch nicht erschöpfend analysiert worden. Anhand der Tagebucheinträge Pietromarchis lassen sich die Ereignisse aus der Perspektive eines Diplomaten im faschistischen Italien nach verfolgen. Sie geben Einblick in seine Interpretationen der politischen Entscheidungen auf italienischer wie auf deutscher Seite. Für eine Untersuchung des privaten und des politischen Kontexts, in dem Pietromarchi seine Tagebücher niederschrieb, wurden außerdem seine Korrespondenz und die Unterlagen der betreffenden Abteilungen im italienischen Außenministerium ausgewertet.