Jüdinnen in der frühen italienischen Frauenbewegung (1861-1922). Biographien, Diskurse und transnationale Vernetzungen

Dr. Ruth Nattermann

In dem von der DFG geförderten Projekt sollen die vielfältigen, bisher jedoch kaum beachteten Aktivitäten von Jüdinnen in der italienischen Frauenbewegung 1861 bis 1922 untersucht werden. Ein besonderes Interesse gilt dabei dem Verhältnis zwischen jüdischer Emanzipation und Frauenemanzipation, den Biographien der italienisch-jüdischen Aktivistinnen sowie dem Frauen-Bild, das sie in ihren Schriften entwarfen. In der Untersuchung werden Ansätze der Geschlechter- und Biographieforschung mit sozial- und diskursgeschichtlichen Methoden zusammengeführt. Die Auswahl der Frauen berücksichtigt Schriftstellerinnen, Journalistinnen und Sozialfürsorgerinnen im traditionell jüdischen, im überkonfessionellen und im zionistischen Bereich. Auch werden die wichtigsten Verbände, sozialen Einrichtungen und Zeitschriften, an denen italienische Jüdinnen – nicht selten als Gründerinnen – beteiligt waren, in den Blick genommen. Dadurch soll ein breites Spektrum von gesellschaftlichen, journalistischen und literarischen Aktivitäten erfasst sowie Erkenntnisse über die Vernetzungen jüdischer Frauen in Italien und auf internationaler Ebene  ermittelt werden. Eine Erörterung des Frauen-Bilds, der feministischen Ziele und Forderungen italienischer Jüdinnen, aber auch der Rezeption ihrer Ideen in der italienisch-jüdischen Öffentlichkeit soll anhand einer Auswertung einschlägiger zeitgenössischer Zeitschriften erfolgen.

Relevanz und Fragestellungen
So wie die Geschichte jüdischer Frauen in Italien insgesamt von der Forschung noch immer stark vernachlässigt wird, ist auch die Beteiligung von Jüdinnen in der frühen italienischen Frauenbewegung unter systematischen Fragestellungen bisher nicht untersucht worden. Dies ist umso erstaunlicher, als die Präsenz und der Einfluss jüdischer Frauen in den einschlägigen Institutionen auffällig sind. Das Projekt will die Gründe für dieses Phänomen beleuchten, ohne jedoch die Existenz einer klar abgegrenzten „jüdischen Komponente“ innerhalb der italienischen Frauenbewegung suggerieren zu wollen. Vielmehr werden Grenzphänomene und – überschreitungen, insbesondere die Beweglichkeit und Prozesshaftigkeit jüdischer Identitäten dezidiert berücksichtigt. Auf diese Weise können auch Personen liberaler, laizistischer Weltanschauungen in die Studie integriert werden, deren religiöse Beziehungen zur jüdischen Gemeinschaft nur noch schwach ausgeprägt oder nicht mehr vorhanden waren. Das Überdauern jüdischer  Identitäten lässt sich im Falle dieser Frauen dennoch, so die Annahme, anhand ihrer Einbindung in weit gespannte jüdische Familien- und Freundschaftsnetzwerke nachweisen. Zu prüfen ist in diesem Zusammenhang, ob das von David Sorkin für den deutsch-jüdischen Kontext entwickelte Konzept einer säkularen „Subkultur“ auch auf die hier zu untersuchenden italienischen Jüdinnen angewandt werden kann.

Der Wahl des Untersuchungszeitraums seit 1861 liegt die These zugrunde, dass zwischen der Emanzipation der italienischen Juden und den Anfängen der italienischen Frauenbewegung im Zuge der nationalen Einigung bestimmte Berührungspunkte existieren, die im Rahmen des Projektes umfassend erklärt werden sollen. Tatsächlich ereignete sich der Eintritt von Jüdinnen in die italienische Mehrheitsgesellschaft zeitgleich mit der Entstehung und Konsolidierung von Organisationen und Gruppierungen, die für die Emanzipation der Frau eintraten. Die Forderung nach neuen Frauen-Rechten stellte für jüdische Frauen in besonderem Maße ein Mittel dar, mit dem sich sowohl ihre weitere gesellschaftliche Integration als Jüdinnen wie auch ihre Emanzipation als Frauen verwirklichen ließ. Mit dem Machtantritt Mussolinis 1922 endet der Untersuchungszeitraum, da aufgrund der zunehmenden staatlichen Repression auch die Aktivitäten der Frauenbewegung in Italien größtenteils zum Stillstand kamen.

Vor allem seit den 1870er Jahren finden sich Jüdinnen in der italienischen Frauenpresse, in der 1899 entstandenen italienischen Frauenvereinigung und, nicht selten als Gründerinnen, in zahlreichen sozialen und „protofeministischen“ Organisationen. Das Engagement italienischer Zionistinnen konzentrierte sich vor allem auf den Wohlfahrtsbereich. Bezeichnend war die konstruktive Zusammenarbeit von Zionistinnen mit der überkonfessionellen Unione femminile nazionale, die insbesondere auch auf persönlichen Freundschaften zwischen Jüdinnen und Christinnen beruhte. Die noch weitgehend ungeklärte Frage, ob es angesichts der Vielfalt an Projekten, Gruppierungen und Organisationen häufig unterschiedlicher politischer und sozialer Richtungen nicht angemessener wäre, von den frühen italienischen “Frauenbewegungen” im Plural zu sprechen, soll im Kontext der Aktivitäten italienischer Jüdinnen ebenfalls erörtert werden.

Zu den italienisch-jüdischen Vorkämpferinnen der Frauenemanzipation gehören Schriftstellerinnen und Journalistinnen ebenso wie Pädagoginnen und Sozialfürsorgerinnen. Von der Forschung sind die meisten von ihnen nur als Randfiguren, oft versteckt hinter ihren Vätern, Ehemännern und Söhnen, berücksichtigt worden: Man denke etwa an Gina Lombroso (1872-1944; Tochter des Anthropologen und Kriminologen Cesare Lombroso, Mutter des Schriftstellers und Dramaturgen Leo Ferrero), Laura Orvieto, (1876-1953; Ehefrau des Dichters Angiolo Orvieto) oder Amelia Pincherle Rosselli (1870-1954; Mutter der Widerstandskämpfer Carlo und Nello Rosselli). Auch die Bedeutung der von ihnen geschaffenen Organisationen und Netzwerke ist noch weitgehend unerforscht. Ein großer Teil dieser Frauen und ihrer Schriften geriet spätestens mit der Verabschiedung der italienischen Rassen-Gesetzgebung 1938 in Vergessenheit und fand auch nach dem Zusammenbruch der faschistischen Diktatur nicht mehr den Weg zurück ins öffentliche (wissenschaftliche) Bewusstsein. Einige der jüngeren unter ihnen, beispielsweise die Pädagogin Aurelia Josz (1869-1944), wurden in Vernichtungslagern umgebracht.
Selbst die einschlägigen Arbeiten zur italienischen Frauenbewegung haben die Aktivitäten italienisch-jüdischer Frauen als Teil des nationalen movimento femminile kaum thematisiert. Netzwerke zwischen Jüdinnen und Christinnen, aber auch antisemitische Tendenzen und konfessionelle Konflikte blieben unbeachtet. Während für das frühe feministische Engagement jüdischer Frauen in Ländern wie Deutschland, Österreich, der Schweiz und Großbritannien seit geraumer Zeit diverse Forschungsbeiträge vorliegen, steht eine Untersuchung des italienischen Kontextes noch aus. Für das aktuelle Projekt bietet sich damit auch die bisher ungenutzte Möglichkeit eines Vergleichs der italienischen Situation und ihrer Spezifika mit der Lage in den bereits erforschten Ländern. Die geplante Studie versteht sich in diesem Zusammenhang auch als differenzierte Gegendarstellung zum noch heute weit verbreiteten Vorurteil, die italienische Frauenbewegung sei insgesamt eher rückständig gewesen.
Zudem können anhand der Aktivitäten jüdischer Frauen, so die Hypothese, transnationale Beziehungen und Verflechtungen besonders eingehend studiert werden. Damit sollen auch neue Perspektiven für die Erforschung der Frauenbewegung insgesamt ausgelotet werden, in der Internationalität eher die Regel als die Ausnahme darstellte. Die Rolle italienischer Jüdinnen innerhalb der internationalen Orientierung und Vernetzung der italienischen Frauenbewegung wird die vorgesehene Studie anhand einer Untersuchung persönlicher Verbindungen, organisatorischer Verflechtungen sowie der Rezeption und des Transfers von Ideen ausführlich behandeln.

Auswahlbibliographie
Associazione Italiana per lo Studio del Giudaismo (a cura di), Donne nella storia degli ebrei d’Italia („Italia Judaica“, Lucca 6-9 giugno 2005), Firenze 2007
Elisabeth Dickmann, Die italienische Frauenbewegung im 19. Jahrhundert, Frankfurt 2002
Monica Miniati, Le „emancipate“. Le donne ebree in Italia nel XIX e XX secolo, Roma 2008
Franca Pieroni Bortolotti, Alle origini del movimento femminile in Italia 1848-1892, Torino 1963